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Schwarze Rosen

für Chris

"Ich gehe fort von hier, Katharina", sagte ich leise. Sie stand mir gegenüber, kühl wie stets, meine Katharina, Katharina die Große, Zarin Katharina, wie ich sie manchmal nur für mich nannte, in ihrem engen schwarzen Kleid, die Haare streng zurückgekämmt, aufrecht und blaß wie die Muttergottes auf einer russischen Ikone, und blickte mich kühl und verschleiert an.
"Ich gehe fort von hier", setzte ich noch einmal an, "ich muß weg von hier aus diesem Kuhdorf. Ich habe keine Perspektive hier, will woanders weiterstudieren. Ich habe eine Zusage aus Berlin."
Sie antwortete nicht, musterte mich nur aus ihren kornblumenblauen Augen, ohne eine Miene zu verziehen. Ohne daß ich es wollte, stiegen wieder Bilder in meinem Geist auf, von Dingen, die nie zwischen uns waren, unser Bekanntenkreis hielt uns für die besten Freundinnen, sah nur die Oberfläche, blickte nicht tiefer in unser empfindsames Inneres.

"Ich wollte noch einmal mit Dir reden, bevor ich fahre", suchte ich einen neuen Anfang, "wollte Dir ein paar Dinge sagen, die schon längst hätten ausgesprochen werden müssen zwischen uns."
Vier Jahre, dachte ich, vier Jahre geht das nun schon so. Warum sagt man die wirklich wichtigen Dinge eigentlich immer erst, wenn es zu spät ist.
"Ich gehe in Wirklichkeit fort wegen Dir." Die Worte platzten mit ungewollter Heftigkeit aus mir heraus.
"Ich muß weg, weil ich das nicht mehr ertrage mit Dir, die Distanz, die so nah ist, Du bist die Frau, die mir am nächsten steht, aber wir sind nicht zusammen. Und solange ich in Deiner Nähe bin, wird sich das nicht ändern. Ich fühle mich in so seltsamer Weise an Dich gekettet, bin unfrei, aber ohne Sicherheit. Ich ertrage das nicht mehr. Nicht so."

"Ich dachte, das Thema hätten wir durch." Katharina sagte es mit betont gleichgültiger Stimme. "Du hast es halt nicht, das gewisse Etwas. Kann man nichts machen."
"Ich will Dir mal was sagen." Mit leichter Panik registrierte ich, daß mir meine so sorgsam vorbereitete Rede mehr und mehr entglitt, mein Temprament ins Wallen geriet. "Wir haben genug Dinge zusammen erlebt, daß ich weiß, daß Du nicht die kühle Schöne bist, für die Du Dich gibst. Ich weiß um Dein Innenleben, Deine Verletzlichkeit. Deine Träume. Es ist eine ganze Menge 'rübergekommen bei den zahllosen Weinflaschen, die wir zusammen leergesumpft haben. ich habe sie gesehen, die kleinen Signale und Gesten, die mehr über Dich sagen, als Du gerne möchtest."
Die schwarzgekleidete Frau antwortete mit sorgfältig dosiertem Zynismus. "Es kann natürlich nicht sein, daß Du Dir das nur einbildest", sagte sie mit einem Blick, der jeden außer mir zu Eis gefroren hätte.

"Ich mag zwar eine Träumerin sein, aber meine Intuition trügt mich selten", gab ich leiser zurück, "und ich habe sie gesehen, Deine Träume. Ich weiß, daß sie dasind. Daran ändert auch Dein rationales Gefasel von wegen 'Wahre Liebe gibt es ja sowieso nicht' kein bißchen. Denkst Du nicht, ich habe nicht gesehen, was abgeht bei Deinen zahllosen Affairen?"
"Ich verstehe." Die sorgfältig nachgezogenen schmalen Augenbrauen in dem weißen Gesicht hoben sich um eine besserwisserische Spur. "Du bist sauer, weil Du nicht zum Zug gekommen bist. Du bist nun mal nicht mein Typ, meine Liebe."
"Ja, ich gebe zu, daß ich eifersüchtig war, selbst wenn ich selbst eine Kiste am Laufen hatte", entfuhr es mir mit einem leichten Stich im Herzen. Meine Gefühle begannen sich Bahn zu brechen. "Glaubst Du, ich habe nicht begriffen, was da abgeht? Die jungen Mädels, die Du Dir geangelt hast, nie länger als für drei Wochen, bloß nichts Festes, weil es ja sowieso keine wahre Liebe gibt?"
"Jaaah", antwortete sie gedehnt, "Du wirst es nicht für möglich halten, aber auch ich habe sexuelle Bedürfnisse." Der präzise rotgeschminkte Mund zog sich zu einem noch schmaleren Strich zusammen.

"Es geht doch gar nicht um Sex." Langsam brachte ihre sorgfältig zur Schau getragene Selbstbeherrschung mich innerlich zur Weißglut. "Die jungen Dinger, die Du flachgelegt hast, waren alle derselbe Typ, diese Kleinen mit kurzen roten Haaren, wie Deine sogenannte 'Große Liebe', die es doch angeblich nicht gibt, wie Johanna, die Dich damals so fertiggemacht hat. Glaub nicht, daß ich das vergessen hätte, Du hast sehr oft davon erzählt, wenn Du voll warst, viel öfter, als Dir wahrscheinlich lieb war. Ich weiß ganz genau, wie sehr sie Dich verletzt hat."
Fast unmerklich zuckte sie zusammen bei diesen Worten. Erregt sprach ich weiter, konnte den Wortstrom nicht mehr aufhalten, den ich so lange in meinem Kopf aufgestaut hatte.
"Und darum fickst Du jetzt diese unschuldigen kleinen Dinger, Katharina. Nicht, weil sie so geil aussehen oder Du so wild darauf bist, Spaß zu haben. Nein, was Du willst, ist Rache, Rache, für das, was Johanna Dir angetan hat, darum wirfst Du sie nach ein paar Tagen immer wieder raus, zerstörst ihre Träume, wie Deine zerstört worden sind, verletzt sie, wie Du verletzt worden bist, tust ihnen das an, was Johanna Dir angetan hat. Du läufst Amok, Katharina, und nichts sonst."
Täuschte ich mich, oder begann der rotgeschminkte Mund leicht zu zittern?
"Glaub' mir, ich weiß, wovon ich rede", schleuderte ich in das weiße Gesicht, "es sind immer die Falschen, die die Rechnung bezahlen müssen. Johanna ist irgendwo, wahrscheinlich glücklich. Du wirst sie nie mehr erreichen mit Deinen Aktionen. Und Deine Affairen läßt Du genauso zertrümmert zurück, wie Du selbst es bist. Ich weiß es so genau, Katharina. Ich kenne sie genau, die Angst, wieder verletzt zu werden und wieder und wieder und wieder. Ich trage sie genauso in mir wie Du. Nur schließe ich sie nicht so ein, stürze mich immer wieder mit vollen Segeln in meine Beziehungen, verliebe mich mit all meinen Träumen und Empfindungen in eine Frau, die dann nach drei Monaten mein Herz in den Fleischwolf wirft. Ich bin halt so blöd, mich immer wieder fertigmachen zu lassen. Nicht wie Du. Du ziehst Dich zurück unter Deine Eiskruste, in der der letzte Funken Leben noch schwach glüht, wo die letzten Deiner Träume noch lauern unter dem Panzer, dem eiskalten Panzer, mit dem Du Deine Angst besiegst. Alle Ängste besiegst außer der einen Angst, wieder Angst haben zu müssen. Und darum behauptest Du auch, daß es keine wahre Liebe gibt, weil Du den Panzer nicht öffnen kannst, denn Liebe bedeutet Nähe."

Katharina stand noch immer da, reglos wie eine Ikone, meine Ikone, selbstbeherrscht und verschlossen.
"Manchmal denke ich, wenn es irgendwo Götter gibt, dann haben sie uns beide füreinander bestimmt", sagte ich, wobei meine Stimme langsam wieder ruhiger wurde, "wir sind uns so ähnlich, wir zwei, und wir kommen irgendwie nicht voneinander los. Irgendwann, als ich mal wieder heimlich in Dich verknallt war, habe ich auch richtig Angst bekommen. Angst, weil ich aus Deinen Johanna-Erzählungen wußte, wie anhänglich Du bist, wenn Du in einer richtigen Beziehung steckst. Ich dachte mir, wenn wir zwei zusammen sind, dann kommen wir nie wieder voneinander los, und das war ein Schock, obwohl ja sowas etwas ist, wovon ich immer geträumt habe. Ja, Katharina, ich liebe Dich, auf eine ganz eigenartig vergiftete Weise, vergiftet von denen, die uns nicht zu schätzen wußten. Wir waren füreinander bestimmt, meine Liebe, und haben alle Chancen, die uns gegeben wurden, vertan, oder sie wurden uns von Leuten, die rücksichtsloser als wir waren, vor der Nase weggeschnappt.
Und so ist alles, was uns geblieben ist, je ein Trümmerhaufen zerbrochener Träume, Deiner eingemauert, meiner stetig weiter wachsend, weil ich nie draus lernen werde, und unter den Trümmern kauernd das kleine zitternde nackte Tier der Angst, wieder und wieder verletzt zu werden, bis auch der letzte Traum verbrannt ist. Wir können nicht mehr zueinander, Katharina. Und deshalb muß ich fort von hier."
Die schlanke Frau kramte in ihrer Tasche nach Zigaretten. Sie sah nach unten, so daß ich ihr Gesicht nicht wahrnehmen konnte.
"Meine Güte, wie oft habe ich darauf gewartet, daß in einem schwachen Moment Deine Schale sich nur einen winzigen Spalt öffnet, daß nur für eine Sekunde die wahre Katharina zu sehen ist, die Frau, die ich in Wirklichkeit liebe. Geliebt habe. All die Jahre, all die Tagträume, die ich hatte, die Hoffnung, die immer wiederkam, und die ich nicht töten konnte. Hoffnung ist so entsetzlich zäh. Ich glaube, ich hatte sogar Angst davor, immer wieder diese schreckliche Hoffnung aufkeimen zu sehen. Ach, Katharina. Angst und Trümmer und Angst und Trümmer und darauf die zählebigen schwarzen Rosen der Hoffnung und kein Ende. Und deshalb muß ich fort."

Sie stand wieder reglos da, die unangezündete Zigarette in der Hand und blickte zur Seite, in einer seltsam nicht-aufrechten Haltung, die sie sonst nicht zur Schau trug.
"Ich wollte, daß Du das weißt." Ohne daß ich es wollte, klang meine Stimme nach dem heftigen Gefühlsausbruch sehr müde. "Ich weiß nicht, vielleicht hätte ich Dir all das früher sagen sollen, nicht erst jetzt, wenn es zu spät ist. Ich bin nun mal nicht so eine Heldin in Gefühlsdingen. Vielleicht ist das auch der Grund, daß ich jetzt fliehe."
Unsere Blicke kreuzten sich. Ich versank in ihren blauen Augen. Feuer und Eis, dachte ich, wie oft denn noch, wird das denn nie enden.
Mühsam um Beherrschung kämpfend, fügte ich hinzu: "Ich fahre schon morgen. Mein Entschluß steht fest. Und ich werde nicht zurückkommen aus Berlin, höchstens, um meine Sachen zu holen." Eine Träne fand den Weg über meine Wange, als ich flüsterte: "Und wenn der Zug über die Brücke fährt, werde ich Deinen Ring aus dem Fenster werfen."

Warum weine ich denn, rasten meine Gedanken, ich sollte doch froh sein, daß es endlich vorbei ist, und meine Beine, weich in den Knien, machten ohne mein Zutun einen Schritt auf Katharina zu, ich nahm sie in die Arme, preßte sie an mich, schluchzte, während mein Inneres in einem Strudel zerfetzt wurde, Bilder aufstiegen, oft geträumte, von ihr und mir in erotischer Umarmung, Dinge, die nie passiert waren, Gesichter unserer Bekannten, die sagen, na das wurde aber auch Zeit, daß ihr endlich zusammenkommt, nie gelebtes Glück jenseits der Realität.
Und wieder schlugen Hoffnung und Verzweiflung ihre goldenen und stählernen Klauen in mein geschundenes Herz, ließen mich als heulendes Elend zusammensacken in den Armen meiner Ikone Katharina, und ich konnte ihr Gesicht nicht mehr sehen, um zu lesen, ob ich mich jetzt in ihrer kühlen Sicht der Dinge vollkommen lächerlich gemacht hatte. Nur der eine Gedanke, nein, nicht mehr, ich will nicht mehr, laß mich doch endlich in Ruhe, raste durch das Labyrinth meines aussetzenden Verstandes, der wie wahnsinning an der unsichtbaren Kette zerrte, die mich an sie fesselte.

Ihr schlanker Körper hielt mich in den Armen, still und sanft, bis ich nicht mehr weinte. Dann hörte ich ihre Stimme leise und tonlos sagen:
"Bitte geh' nicht..."


© 2000 Diane Neisius. Erstveröffentlichung unter dem Titel "Wenn der Zug über die Brücke fährt" im Literaturkreis Cafe Kreuzberg, Göttingen.



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