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Elfenfeld


für Isa


"Vorsicht jetzt. Da unten ist es."

Mein Begleiter, ein einheimischer Führer, duckte sich tief in die Disteln und kleinen Büsche, die diesen Hügel bestanden. Nach seiner Auskunft hieß das Gebiet hier Greifenberg - nun ja, für mich sah ein Berg anders aus, schließlich kannte ich die Pässe des Hohen Pamir, aber hier, so tief im Westen, war man scheinbar mit den Bezeichnungen leichtsinniger.

Vorsichtig schob ich mich durch das Gestrüpp weiter, bis ich ins Tal sehen konnte. Mein kleines struppiges Roß hatte ich vorsichtshalber weiter hinten angebunden, und Wolf stöberte irgendwo einer Fährte nach.

Endlich konnte ich etwas sehen. Da unten waren Bäume, überhaucht vom ersten Frühlingsgrün. Bäume und ein Fluß. Und jenseits des Flusses eine Palisadenumwallung mit ein paar Hütten darin. Ein oder zwei größere Gebäude und ein Turm aus Steinen stachen heraus.

"Das ist die Burg Elfenfeld, Herrin." Mein Begleiter musterte mich unbehaglich von der Seite.

Wieder einmal mußte ich daran denken, wie anders alles hier war, so weit westlich meiner Heimat. Nachdem ich endlich herausgefunden hatte, wo meine Ziehtochter Kara zuhause gewesen war, hatte ich sie zum westlichen Ende der Seidenstraße gebracht, von wo aus sie mit einer Karawane den Weg zum Südkontinent allein finden konnte. Einmal in der Gegend, hatte ich beschlossen, die Gebiete der weißhäutigen Barbaren zu besuchen und war nach Norden weitergezogen. Wie anders alles hier war! Im Gegensatz zu meiner Heimat, der Steppe, gab es hier soviel Wasser, daß das ganze Land bewachsen wie eine einzige große Oase war. Mir war das etwas unbehaglich, schließlich war ich eine freie Sarmatin, die mit dem Wind um die Wette ritt, und hier konnte ich nachts nicht einmal den Himmel über mir sehen.

Und die Menschen waren tatsächlich blaß wie das Mondlicht. Ich fiel ziemlich schnell auf, mandeläugig, mit sandfarbener Haut und langen glatten dunklen Haaren. Mehr noch, ich tat etwas, was hier ganz und gar nicht üblich war: als Frau trug ich ohne Scheu Waffen und verlangte Respekt dafür. Mehrfach hatte ich mir Tölpel vom Hals halten müssen, die nicht verstehen wollten, daß ich selbst entschied, mit wem ich die Nacht verbrachte. Einer war an seinen Wunden fast gestorben.

Der Eingeborenen-Führer räusperte sich, als erwartete er eine Reaktion von mir.

"Da drüben sind ihre Wachen", flüsterte er. Ich nickte, antwortete aber nicht. Der Mann wies in die Richtung der Palisaden. "Die Burg Elfenfeld", wiederholte er noch einmal.

"Ich habe schon größere Burgen gesehen", sagte ich knapp. In der Tat verdiente dieses umwallte Dorf kaum die Bezeichnung. Die Festung am Jadetor-Paß, besetzt mit tausend Soldaten des Seidenkaisers im Osten, das war eine Burg. Nicht so etwas hier.

"Es wird schwer sein, da 'reinzukommen", schwatzte mein Begleiter weiter. Langsam begann er mich zu stören.

"Da kommt man ungesehen überhaupt nicht rein", gab ich geringschätzig zur Auskunft. "Es ist gut. Ich habe genug gesehen. Wir kehren zurück."

Ich ließ die Äste los und schob mich zurück zwischen die Disteln. Etwas ließ mich spüren, daß wir trotz der Sonne in unserem Rücken nicht unentdeckt geblieben waren. Diese Wachen waren anders als die Bauerntölpel, die ich sonst hier getroffen hatte.


Wie anders sie waren, sah ich kurze Zeit später. Ich hatte den Führer ausbezahlt, ein Stück stromauf das Flußufer gewechselt und ritt nun langsam mit gesenkter Lanze (was, wie ich hoffte, auch hier als Zeichen des Friedens galt) den Weg zu der Ansiedlung entlang. Wolf schnüffelte neugierig und mit aufgestellten Ohren nach vorne. Das war ungewöhnlich, sonst mochte er, ein halbwilder Steppenwolf, menschliche Siedlungen überhaupt nicht.

Kurz vor dem Wall traten plötzlich zwei Bewaffnete ganz lautlos aus dem Schatten eines riesigen alten Baumes am Flußufer.

"Seid gegrüßt, fremde Kriegerin", riefen sie, "wohin des Weges?"

"Ich komme, um mit dem Befehlshaber dieser... Burg zu sprechen", antwortete ich und stieß die Spitze der Lanze als Zeichen des Friedens in den Boden.

"Und aus welchem Grund sollte die Herrin Malfirien Euch empfangen?"

Ich stutzte einen Augenblick. Sollte tatsächlich eine Frau diese Siedlung kommandieren? Es wäre das erste Mal hier im Westen, daß ich darauf stieß. Der Gedanke ließ mich mich die beiden Wachen genauer mustern.

Offenbar waren sie keine Menschen. Ihre Bewegungen hatten etwas unbeschreiblich elegantes, und sie waren schlanker und noch blasser als die anderen Einheimischen. Sie besaßen die gleichen mandelförmigen Augen wie ich, und das Ungewöhnlichste war - sie hatten spitze Ohren. Elfenohren.

"Den Grund meines Hierseins werde ich der Herrin selbst mitteilen", gab ich zurück.

Der Elf lachte. "Ihr seid eine stolze Kriegerin, Reiterin von weit her", antwortete er, "und vielleicht ist in Eurer Heimat üblich, mit niemand sonst als der Herrin zu reden. Ich kann Euch nicht versprechen, daß sie Zeit für Euch hat, aber wir werden Euch hineinbegleiten."

Beide schulterten den Langbogen, und der Sprecher gab ein Zeichen in Richtung der hölzernen Pforte im Wall.


In der Siedlung gab es sowohl Menschen als auch Elfen. Eines der Steingebäude, die ich vom Greifenberg aus gesehen hatte, war der Tempel eines Feuergottes nicht weit von der Pforte, durch die wir gekommen waren. Der Turm gehörte zu einem Komplex mitten in der Siedlung, der noch einmal seperat mit Graben und Wall gesichert war und schon eher wie eine kleine Burg aussah. Wir waren über einen kleinen Marktplatz gekommen und hatten dann eine längere Straße zum Burgtor genommen. Die Menschen, denen wir begegneten, sahen mich genauso neugierig an wie überall.

Am Burgtor gab es einige Verzögerung; ich mußte bis zum Abend warten, ehe mir eine Unterkunft zugewiesen wurde. Die Elfen, obgleich freundlicher als die Menschen, schienen gegenüber einer fremden Kriegerin mißtrauisch zu sein; ich bekam im Stall eines kleinen Gehöftes jenseits der Burg und außerhalb des Walles einen Platz für mein Roß und mich, wo ich warten sollte, bis die Herrin entschieden hatte.


Zwei Tage später hatte ich endlich den Weg in das große Gebäude in der Burg gefunden. Die Herrin Malfirien empfing mich in einem kleinen Privatraum, nachdem ich meine Waffen an den Hauptmann der Burgwache übergeben hatte.

"Ihr kommt von weither", begann sie ihre Begrüßung. "Mir wurde gesagt, daß Ihr bei Euren Tieren im Stall schlaft und keine andere Herberge annehmen wolltet. Das ist ungewöhnlich für Menschen." Die grauhaarige Elfenherrin musterte mich, allerdings nicht unfreundlich.

"Es ist üblich bei meinem Volk, die Tiere zu ehren. Was für sie gut ist, ist auch für mich gut genug. Deshalb genügt mir ein Platz im Stroh", antwortete ich.

Mein Gegenüber schmunzelte. "Erzählt mir von Eurem Volk", bat sie.

"Ich gehöre zum Stamm der Sarmaten und habe den Stand einer freien Kriegerin. Mein Volk lebt in den weiten Steppen nördlich der Seidenstraße, nicht weit von den hohen Bergen in der Mitte der Welt. Wie viele meines Volkes verdinge ich mich als Söldnerin, um Karawanen vor Räubern zu schützen. Auf diesem Weg bin ich schließlich hier, im äußersten Westen, gelandet."

"Ah." Die Elfin zog die Augenbrauen hoch. "Wie es scheint, glaubt jedes Volk, in der Mitte der Welt zu leben. Aber das spielt keine Rolle, solange wir nicht wissen, wie die Welt wirklich aussieht."

Sie sah mich einen Augenblick nachdenklich an, während ihre Finger mit einem Amulett spielten, das sie an einer Kette um den Hals trug. "Was allerdings eine Rolle spielt, ist der Grund Eures Hierseins. Seid Ihr eine Botschafterin Eures Volkes im fernen Osten?"

"Nein", antwortete ich wahrheitsgemäß. "Bei unserem Stamm spricht jeder Clan und jeder freie Krieger für sich. Wir könnten gar keinen einzelnen in unserer aller Namen entsenden."

Einen Augenblick stockte ich. Ich war dankbar dafür, daß unter den Elfen offenbar auch der Brauch galt, nicht sofort zum Geschäft zu kommen. Jetzt aber kam der Teil, von dem mein Auftraggeber angedeutet hatte, daß er schwierig werden würde.

"Nein, Herrin. Wie ich schon sagte, verdingen sich viele Kriegerinnen und Krieger meines Volkes als Söldner. Das ist auch in diesem Fall so. Ich habe den Auftrag angenommen, in einem bestimmten Fall mit Euch in Kontakt zu treten.", erklärte ich.

"Worum genau geht es?" Meine Gastgeberin runzelte leicht die Stirn.

"Mein Auftraggeber hat einen Sohn, den Ihr gefangenhaltet, weil er angeblich ein Verbrechen begangen haben soll", begann ich meine Ausführungen, um sogleich dazuzusetzen: "Dieser Auftraggeber scheint von mir zu erwarten, daß ich seinen Sohn gewaltsam befreie. Ich fand es allerdings angebracht, mit Euch zu reden, Herrin, denn ich weiß nicht einmal, was er eigentlich getan haben soll."

Die alte Elfin setzte sich auf. Ihr Gesicht wirkte plötzlich kühl.

"Darum also geht es", sagte sie leise und bestimmt, "nun, immerhin spricht für Euch, daß Ihr Euch um Klärung bemüht. Deshalb sollt Ihr erfahren, warum ich besagten Sohn nicht freigeben werde."

Ich schwieg. Eine solche Reaktion hatte ich erwartet.

"Die Menschen scheinen zu glauben, daß ihnen alles hier einfach so gehört. Sie jagen Tiere zum Spaß, sie fällen gesunde Bäume für Feuerholz und brechen Steine aus der Erde, falls ihnen das an einer bestimmten Stelle gerade in den Kram paßt. Das hat auch dieser junge Mensch getan. Wir haben ihn mit einigen Spießgesellen dabei ertappt, wie er auf dem Gipfel des Hügels östlich der Stadt, wo Fels ansteht, heimlich Steine gebrochen hat. Für uns Elfen ist das ein Verbrechen, denn der Fels im Herzen eines Berges lebt aus eigenem Recht wie ein Baum im Wald oder ein Hirsch. Niemand darf ihn einfach nehmen, nur weil er da ist."

"Liegt dieser Hügel auf Eurem Gebiet?", fragte ich, um sicherzugehen.

Die Elfenherrin lachte. "Nach menschlichen Maßstäben ja. Uns Elfen allerdings widerstrebt es, dies Land hier einfach so als unseren Besitz anzusehen, es war vor uns da und wird auch lange nach uns noch da sein. Leider sind wir nur noch wenige, und die Menschen in dieser Gegend vermehren sich stark. Wir können nicht das ganze Gebiet dauernd bewachen. Es ist nicht das erste Mal, daß oben auf dem Hardtberg Steine oder Holz gestohlen werden." Sie blickte mich direkt an, ehe sie hinzusetzte: "Ich erwarte nicht, daß Ihr das versteht, Menschenfrau aus der Ferne."

"Vielleicht verstehe ich es besser, als Ihr glaubt, Elfenherrin", antwortete ich. "Bei meinem Volk sagt man ebenfalls, daß die Steppe niemand gehört außer sich selbst, ebenso wie eine freie Kriegerin. Vielleicht habt ihr sagen hören, daß ich neben meinem Pferd auch noch einen Hund besitze. Nun ich besitze ihn nicht. Wolf - tatsächlich ist er ein wilder Wolf aus der Steppe - ist aus freien Stücken bei mir, und wenn es sein Wille zu gehen ist, kann er das jederzeit tun. Ich habe ihm nicht einmal einen Namen gegeben, denn ich weiß nicht einmal, wie sein eigener Name für sich selbst ist. Das gleiche gilt für Pferd. Wir bilden eine Kampfgemeinschaft; es hat mir durch seine Geschwindigkeit oft das Leben gerettet. So sorgt es für mich, ich sorge für Pferd. Beide tun wir das, was wir am besten können, zum beiderseitigen Nutzen, Pferd rennt und ich führe die Lanze."

"Und ausgerechnet Euch hat dieser fette Gutsbesitzer angeheuert, um seinen dummdreisten Sohn zu befreien. Welche Ironie des Schicksals. Ihr wäret besser in meine Dienste getreten, Frau aus der Steppe, denn Ihr seid eine der wenigen, die das Denken der Elfen halbwegs verstehen."

Die Elfin schüttelte den Kopf. "Ich kann den Menschen nicht freigeben, und sei es nur Euch zuliebe. Ich würde das Gesicht verlieren, weil dann alle glaubten, sie könnten unseren Wald nach Gutdünken ausplündern."

"Dann verlangt meine Ehre als Kriegerin, daß ich kämpfe", antwortete ich. "Auch wenn es mich schmerzt, gegen eine Herrin zu kämpfen, die ich eigentlich zu meinen Freundinnen zählen sollte."

"Wiegt bei Eurem Volk die Ehre so schwer?"

"Ich habe einen Auftrag angenommen. Die Ehre verlangt, daß ich ihn ausführe oder bei dem Versuch sterbe. Welcher Karawanenherr könnte sonst sicher sein, daß ich nicht auf halbem Weg den Dienst kündige und gemeinsame Sache mit Räubern mache?"

"In der Steppe und auf den einsamen Pfaden der Seidenstraße mag das tatsächlich notwendig sein", sagte meine Gastgeberin. Sie sah traurig aus. "Wir müssen also einen Weg finden, Eure und meine Ehre zu wahren."

"Allerdings ist die Situation ziemlich aussichtslos", gab ich zu bedenken.

"Was würde man beim Volk der Sarmaten in einem solchen Fall tun?", fragte die Elfin.

"Da gibt es verschiedene Möglichkeiten. Wenn zwischen zwei Kriegern eine Fehde vereinbart wird, kämpfen sie bis zum ersten Blut oder bis zum Tod. Wenn ein Krieger eine Fehde mit einem Clanherrn beginnt, so wird er oder sie beim Kampf gegen den ganzen Clan im allgemeinen unterliegen und getötet werde."

Ich machte eine kurze Pause, sah ihr direkt in die Augen undfügte hinzu: "Was wahrscheinlich auch mir passieren würde, wenn ich gegen den Wall Eurer Burg anritte."

Die Elfin nickte stumm. Dann sagte sie: "Ihr würdet wahrscheinlich bis zum Tod kämpfen wollen."

"Das muß ich, um die Ehre zu wahren."

Ich zuckte die Schultern.

"Allerdings", gab ich zu bedenken, "könnte der Ältestenrat des geforderten Clans befinden, daß es unehrenhaft ist, wenn ein einzelner Krieger vom gesamten Clan besiegt wird. Der Rat könnte es zulassen, daß der Clanherr zum Zweikampf gefordert wird, wobei es sein oder ihr Recht als Stammesführer wäre, einen Krieger oder eine Kriegerin zu wählen, der für ihn oder sie kämpft."

"Ich werde darüber nachdenken", antwortete da die Burgherrin. "Bitte nehmt meine Gastfreundschaft noch ein paar Tage in Anspruch, ehe Ihr Eure Fehde aussprecht. Diese Dinge wollen wohl bedacht werden. Ist das mit Eurer Ehre verträglich?"

"Ich werde warten, bis der Mond halb gefüllt ist", entschied ich.

"Das genügt." Mit einem Wink wurde ich entlassen.


"Höret, all' Volk, höret." Der Herold der elfischen Burgherrin war auf den großen Platz zwischen Palisadenwall und Gutshof getreten, wo das im Wald gesammelte tote Holz verarbeitet wurde und der auch für Zusammenkünfte genutzt wurde.

"Die Herrin Malfirien gibt kund und zu wissen." Der Elf im blauweißen Wappenrock machte eine Pause, damit die Bewohner der Siedlung Zeit hatten, sich außerhalb der Umwallung zu sammeln. Nicht weit vom Tor wurde unter einem Baldachin ein Thron aufgestellt, auf dem die grauhaarige Herrscherin Platz nahm.

Ich stand ein wenig abseits, hielt mein kleines Roß am Zügel und wartete. Wolf schnüffelte abwechselnd in Richtung der ankommenden Elfen und knurrte in Richtung der Menschengruppen.

Aus der Burg wurde nun ein rothaariger schlaksiger Jüngling unter der Obhut einiger Wachen gebracht. Das mußte wohl der Sohn meines Auftraggebers sein.

Der Herold setzte nun seine Ansprache fort, denn es waren eine Menge Zuschauer auf den von der morgendlichen Frühlingssonne beschienen Platz gekommen.

"Es ist jemand gekommen, um die Freilassung dieses jungen Menschen, Jonas vom Sonnenborn, zu fordern, der widerrechtlich auf dem Hardtberg Steine gebrochen hat. Die Herrin Malfirien hat entschieden, in diesem Fall ein Gottesurteil herbeizuführen."

Der Sprecher wandte sich nun mir zu. Ich konnte ein verwundertes Flüstern in der Menschenmenge hören. "Der Feuergott hat einen merkwürdigen Humor. Ob das gutgeht?" sagte eine leise Stimme.

"Dann möge die Kriegerin, die von den Elfen Morfinesse genannt wird, vortreten und ihre Forderung aussprechen." Der Elf zeigte mit seinem weißen Amtsstab auf mich. Ich mußte ein Schmunzeln unterdrücken, als ich das Wort in der Elfensprache hörte, das mich bezeichnete und das soviel wie "Schwarzer Haarschopf" bedeutete. Langsam trat ich vor, den Zügel in der Hand. Vor dem Baldachin mit dem Thron blieb ich stehen.

"Ich bin Slonka, freie Kriegerin vom Stamm der Sarmaten", erklärte ich, "und ich fordere um der Ehre willen, den Menschen Jonas, Sohn meines Auftraggebers, freizugeben. Ich spreche in dieser Angelegenheit die Fehde gegen die Herrin Malfirien aus." Mit einer schnellen Bewegung stieß ich das stumpfe Ende der Lanze auf den Boden, so daß die scharfe Spitze nach oben zeigte.

Malfirien erhob sich aus ihrem Thron. Der leichte Wind spielte in ihren langen Haaren. "Ich nehme die Fehde an", erwiderte sie mit leiser, aber vernehmlicher Stimme. "Gwindor wird für mich kämpfen."

Ein großer Elf mit hüftlangem blonden Haar trat aus dem Gefolge vor und verneigte sich ehrerbietig vor seiner Herrin. Der Herold kam zu uns, er sah mich prüfend an.

"Slonka Morfinesse, bei uns ist es der Brauch, daß der Geforderte die Waffe und die Art des Kampfes wählen darf. Seid Ihr damit einverstanden?"

Ich musterte Gwindor und antwortete dann in seine Richtung: "Solange der Zweikampf ehrenhaft bleibt, soll es mir recht sein."

Der Herold und Gwindor sahen die Burgherrin an.

"Da ich gefordert wurde, wähle ich den Bogen als Waffe", sagte sie mit ungerührtem Gesicht, "und da ich kein Blut vergossen haben will, soll der Zweikampf im Bogenschießen auf eine Strohpuppe bestehen. Zehn Pfeile auf 30 Schritt." Die Elfenherrin sah mir in die Augen, ehe sie hinzufügte: "Und ich versichere der sarmatischen Kriegerin bei meiner Ehre, daß bei allen Stämmen der Elfen ein solcher Wettkampf als überaus ehrenvoll gilt."

"Ich bin einverstanden", gab ich zurück.

Malfirien setzte sich. Der Herold hob seinen weißen Stab. "Ich fordere die Kämpfer also auf, alle Waffen außer Pfeil und Bogen abzulegen."

Langsam senkte ich die Lanze und rammte ihre Spitze in den Boden. Ich zog das kurze Schwert aus dem Gürtel und legte es daneben. Dann ging ich zu meinem Pferd, um den Pfeilköcher und den Kurzbogen vom Sattelknauf loszubinden.

Gwindor hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls einiger Dolche entledigt. Auf dem Platz war einige Bewegung, weil nun eine bereits vorbereitete Strohpuppe herangebracht und mitten auf dem Platz eingerammt wurde. Die Schaulustigen zogen sich zu den Palisaden zurück.

Gwindor lächelte mir zu. "Möge der Bessere gewinnen", grüßte er mit erhobener Hand.

"So möge es sein."

"Sollen wir das Los entscheiden lassen, wer beginnt?", fragte er.

"Ich lasse Euch den Vortritt", entschied ich.

Inzwischen hatten einige Bedienstete die Distanz abgeschritten und durch eine lange weiße Linie im Boden die Schußposition markiert. Mein Gegner trat vor und spannte mit geschmeidigen Bewegungen seinen Langbogen. Wie verträumt schaute er in Richtung des Ziels, das allein mitten auf dem Holzplatz stand. Der laue Wind spielte auf einzeln herausstehenden Strohhalmen der Puppe.

Der blonde Elf wog einen Pfeil in der Hand. Noch immer schien er zu träumen. Dann, mit geschmeidigen kraftvollen Bewegungen wie ein Raubtier, legte er einen Pfeil nach dem anderen auf und schoß in einer einzigen fließenden Bewegung. Ein Pfeil nach dem anderen bohrte sich in die Brust der Strohpuppe.

"Im ersten Durchgang erzielte Gwindor, der für die Herrin Malfirien kämpft, zehn von zehn möglichen Treffern", verkündete der Herold.

Mein Gegner drehte sich um und verneigte sich vor dem Thron der Burgherrin, die ihm anerkennend zunickte.

Der weiße Stab zeigte nun auf mich. "Ihr seid dran."

Ich trat vor, prüfte den Sitz des Pfeilköchers und spannte meinen kurzen Bogen. An der Linie spähte ich in Richtung der Puppe. Es würde schwierig werden, den Gleichstand zu erzielen. Spontan ließ ich den Bogen sinken und wandte mich um.

"Ich bin es gewohnt, vom Pferd aus zu kämpfen", sagte ich laut, "wäret Ihr einverstanden, wenn ich vom Pferd aus schieße?"

Der elfische Herold wechselte einen kurzen Blick mit seiner Herrin, ehe er entschied: "Solange Ihr die Distanz einhaltet, bestehen keine Einwände."

Ich nickte und ging zu meinem struppigen kleinen Roß hinüber. Seine Ohren spielten, als ich aufstieg, denn es spürte die Spannung, die in der Luft lag. An der Schußlinie wickelte ich die Zügel um den Sattelknauf und hob den Bogen.

Pferd explodierte förmlich unter mir, als es den Druck meiner Schenkel spürte, und rannte aus dem Stand in vollem Galopp los. Im ersten Viertelkreis schoß ich drei Pfeile ab, dann mußte ich den Platz umrunden, um keine Zuschauer zu gefährden. Ich hielt den nächsten Pfeil bereit und ritt weiter freihändig. Als ich in einer Staubwolke an dem wartenden Elfengefolge vorbeisprengte, schoß ich weitere vier Pfeile ab. Einige Ausrufe der Überraschung waren in der Menge zu hören, als ich zum zweiten Kreis um das Ziel ansetzte. Diesmal lenkte ich Pferd aber in einem engen Bogen an der Strohpuppe vorbei und galoppierte direkt auf die Zuschauer zu. Als ich die weiße Linie auf dem Boden unter mir vorüberfliegen sah, wandte ich mich im Sattel um und und schoß meine letzten drei Pfeile über den Rücken des Pferdes auf das Ziel ab. Das war der berühmte und bei allen Feinden gefürchtete sarmatische Schuß.

Die Menge war auseinandergestoben, als mein kluges kleines Steppenroß sich seinen Weg durch sie hindurch in das Tor hinein gesucht hatte. In einem leichten Trab ritt ich, noch immer freihändig, wieder zum Platz zurück, verfolgt von ungläubigen Blicken. Mein Reittier tänzelte, als ich an der Linie zum Stehen kam, als genösse es die Aufmerksamkeit.

Mein Blick wanderte zur Strohpuppe, wie die Bediensteten meine in alle Richtungen abstehenden Pfeile zählten. Schließlich rief jemand: "Sieben...."

Noch ehe ich Gelegenheit hatte, den Kopf sinken zu lassen, kam Gwindor zu mir herüber. Er schüttelte den Kopf und sagte lachend: "Wenn die Herrin einverstanden ist, werde ich mich Euch geschlagen geben. Kein Elf könnte Euch das nachmachen, Kriegerin der Steppe. Eure Feinde müssen Euch wahrhaftig fürchten."

Ich drehte mich um und sah, daß Malfirien mir zuzwinkerte.

Der Herold hob seinen Stab und verkündete, daß mein Gegner sich ergab. Ich hatte gesiegt.


Eine Woche später saß ich in der offenen Stalltür des Gutshofes und genoß den silbernen Schein des Vaters Mond in der Nachtkühle. Drüben in der Burg waren einige Fenster gelblich erleuchtet. Hinter mir mümmelte Pferd zufrieden sein Heu, und Wolf gähnte und legte den Kopf auf die Pfoten.

Was hatte dieses Abenteuer gebracht?

Nun, dem jungen Jonas eine fürchterliche Ohrfeige seines fetten Vaters, als ich ihn auf dem heimatlichen Hof unversehrt ablieferte.

Mir hatte es zwei Goldstücke eingebracht und die ohne jede Falschheit vorgebrachte Bewunderung der Elfen.

Die Herrin Malfirien hatte ich noch ein weiteres Mal getroffen, Sie hat mich gebeten, in ihre Dienste zu treten. Ich denke, ich werde das Angebot annehmen.

Für eine Weile.



© 2005 Diane Neisius. Erstveröffentlichung.



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