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Schwarzer Engel

Prolog

Lange hatte ich gewartet auf diesen Augenblick. Da lag sie endlich unter mir, diese blaue Welt voller Leben und Schönheit, nachdem ich so lange bei meinen Schwestern im äußeren Band der Sterne gewesen war, weit weg in Kälte und Dunkelheit.
Sie lag da, ein blaues Juwel, strotzend von Leben, saphirfarbene Ozeane unter zarten weißen Wolkenschleiern, und darin gleich kleinen Inseln schwimmend, die Kontinente, bräunlich und grün von Pflanzenwuchs, der versprach, mehr zu verbergen unter dem schützenden Dach seiner Blätter. Langsam zog alles das unter mir dahin bei meinem Flug.
So fein und verletzlich hatte der hellblaue Schimmer der Luftschichten von weitem ausgesehen; jetzt, nahe der Welt, spürte ich ihren scharfen Zug an meinem Körper, der mich verlangsamen wollte. Die dünne Luft spielte gleichsam mit mir, breitete die Flügel um mich aus, ein sinnlicher Tanz jetzt noch, in dem ich vor Wonne erglühte.
Doch schnell wurde ein Toben aus dem Tanz, ein Kampf, in dem ich als Eindringling von außerhalb galt, den es abzuweisen hieß. Aber ich hatte nicht so lange gewartet, war nicht so lange dem Weg in Einsamkeit und Kälte gefolgt, um jetzt einfach weggeschoben zu werden. Ich drängte mit all meiner Macht weiter vorwärts, weiter auf das Blau zu, das näher und näher kam, breitete Flammen und Glut um meinen Weg, brüllte meinen Zorn über den unfreundlichen Empfang mit gewaltiger Stimme heraus. Mein Herz erstrahlte hell wie die Sonne selbst, sollten es alle sehen, das Herz eines Engels, der auf die Erde kam, in Flammen und Rauch gehüllt in gedankenschnellem Flug, einen Pfad von Funken und glitzendem Staub hinterlassend.
Härter drang die Luft auf mich ein, zerrte, schlug auf mich ein, spie mir ihren Abscheu ins Gesicht, drohte mich zu zerbrechen. Aber die Welt war schon so nahe, ich konnte ein grünes Land unter mir sehen, Wald, saftiges lebendiges Grün, das durch die Flammen und den Rauch verheißungsvoll leuchtete, und ich würde jetzt nicht mehr vor den Geistern der Luft kapitulieren. Nicht jetzt, so nah am Ziel, nach Äonen des Fluges.
Beinahe unerträglich wurde die Hitze des Kampfes. Lang schon war mein glänzendes Äußeres verbrannt zu schwarzer Schlacke, die in glühenden Strömen an mir herabfloß. Mein Hunger nach dieser Welt hatte seinen Preis, einen hohen Preis, aber ich war bereit, ihn zu zahlen.
Zerren, Schieben, unerträgliche Weißglut in meinem Gesicht, Schmelzflüsse um meinen Körper, flammenlodernde Flügel, grauer Rauch und wirbelnde Funken, zwischen die ich meine Agonie aus meinem hell strahlenden Herzen schrie - all das endete in einem gewaltigen Knall, in Dunkelheit, in plötzlicher Ruhe. Rauch und Staub lichteten sich allmählich, während das Strahlen meines Herzens erlosch. Ich war zu erschöpft, um jetzt schon wahrzunehmen, wo ich war, kuschelte mich nur in die Dunkelheit, die hier aber warm war und nach Erde roch und nicht kalt und voller Sterne wie meine Heimat.

Stein

"Erzähl mir die Geschichte, Großmutter", sagte das kleine Mädchen, während es sich eine flache Senke auf dem schwarzen Stein suchte, um sich bequem hinzusetzen. Alle Kinder im Dorf nannten sie die Großmutter, obwohl sie weder eigene Kinder noch Enkelkinder hatte. Genaugenommen hatte sie gar keine Verwandten, und niemand benutzte ihren wirklichen Namen, selbst wenn ihn einige der Leute kennen sollten. Sie war einfach die Großmutter, war schon immer dagewesen, und sie half mit Kräutertränken bei Wehwehchen aus oder als Hebamme bei Niederkünften; und sie hütete die Kinder des Dorfes, wenn die Eltern auf dem Feld arbeiteten.
Die alte Frau reichte den Korb mit dem Mittagessen nach oben zu dem Mädchen und erkletterte dann ebenfalls den massiven schwarzen Block, der schon seit undenklichen Zeiten hier am Flußufer lag. Die dunkle Oberfläche war warm, aufgeheizt von den Sonnenstrahlen, obwohl es ein fast schon kühler Spätsommertag war. Erntezeit, in der das Licht golden wurde wie das reife Getreide und immer und überall der Geruch nach Grannenstaub und frischem Stroh in der Luft zu liegen schien.
"Erzähl mir die Geschichte", drängte das kleine blonde Mädchen noch einmal, und die Großmutter erwiderte mit ihrer sanften dunklen Stimme: "Laß mich doch erst einmal zu Atem kommen, Du neugierige kleine Maus. Erst wird gegessen, und wenn wir uns dann ausruhen, ist Zeit für eine Geschichte."
Eifrig begann die Kleine das Tuch zurückzuschlagen, das über den Korb gebreitet lag, während die alte Frau noch umständlich die schwarzen Falten ihres Rockes um sich breitete. Der Geruch nach reifen Äpfeln stieg aus dem Korb.
"Dann essen wir jetzt ganz schnell", entschied das Kind und griff nach einer der rotbackigen Früchte.
"Na, Du hast es aber eilig", lachte die Alte. Schelmisch blinzelte sie ihre junge Begleiterin aus dunklen weisen Augen an. "Also gut, Du bekommst Deine Geschichte. Die Geschichte von diesem Stein hier am Flußufer." Mit einer kecken Bewegung, die so gar nicht zu ihrem Alter zu passen schien, warf sie die langen grauen Haarsträhnen zurück über die Schulter und lächelte für einen Augenblick mit geschlossenen Augen in die Sonne.
"Aber bevor ich anfange zu erzählen, gibt es da noch ein paar Dinge, die Du wissen mußt", führte sie aus. Die kleine Zuhörerin nagte gedankenverloren an ihrem Apfel. "All das ist nämlich schon ganz lange her, da gab es die Felder und unser Dorf noch gar nicht. Alles waren nur wilde Wiesen, und der Wald weit flußabwärts, den man da am Horizont als dunkle Linie sehen kann, der war auch noch viel größer. Tatsächlich war er so groß, daß er fast bis hierher reichte."
Die kleine Blonde blickte mit Staunen im Blick zu der Erzählerin auf.
"Das muß aber lange her sein", bemerkte sie.
"Ist es auch. Und im Wald lebten zu der Zeit auch noch Feen."
"Papa sagt, es gibt keine Feen", warf die kindliche Stimme mehr fragend als feststellend ein.
"Nun, heute sind sie so selten, daß fast niemand mehr von sich sagen kann, er habe eine getroffen", erklärte die Großmutter. Der Wind spielte in ihren langen silbergrauen Haaren. "Aber es gibt sie noch, auch wenn die wenigen, die noch hier sind, wenig Lust haben, Menschen zu treffen. Außerdem können sie sich unsichtbar machen."
"Unsichtbar", flüsterte die Kleine mit einer Mischung aus Respekt und Schaudern.
Die Alte merkte es und lachte. "Du mußt keine Angst haben, daß Dir jemand unsichtbar folgt. Sie kommen nie in die Häuser von Menschen. Nicht mehr."
"Ah." Das kleine Gesichtchen hellte sich auf. "Und warum nicht?"
"Also willst Du jetzt die Geschichte von dem Stein hören oder warum die Feen nicht mehr zu den Menschen kommen", neckte die alte Frau die unersättliche Neugier des Kindes.
"Dann lieber die Geschichte von dem schwarzen Stein hier", kam die entschiedene Antwort.
"Also gut. Die Geschichte vom Stein", antwortete die Großmutter und atmete tief die nach Reife und Ernte duftende Luft ein.

Drachen

Der Drachen war weit geflogen und hatte lange Ausschau gehalten nach dem, was er nun endlich am Horizont erblickte. Obwohl die Sonne schon untergegangen war und der Himmel sich langsam tintenblau färbte, verdoppelte er noch einmal seine Anstrengungen, holte kräftiger mit den ledrigen schwarzen Schwingen aus, ließ seinen silbergeschuppten Leib sich wellen in der Harmonie der Bewegung, die ihn durch die dünne Luft gleichmäßig vorwärtsstieß. Tief unter ihm zog die endlose Steppe hinweg, ungezählte Wegstunden öden bräunlichen Grases, von niemand bewohnt außer kleinen Nagetieren, die jetzt in der Dämmerung langsam hervorkamen.
Es war nicht mehr so weit, wie es ausgesehen hatte. Noch ehe der Himmel ganz dunkel war und die Sterne zu glitzern begannen, ging er in einen flachen Gleitflug über, breitete die erschöpften Schwingen aus und segelte auf den langsam näherrückenden Waldrand zu.
Schließlich legte er sich in eine flache Kurve, schlug zweimal mit den mächtigen Schwingen, griff mit den klauenbewehrten Füßen nach dem Boden, sackte fast ein wenig in sich zusammen bei der Landung. Der weite Weg hatte viel Kraft gekostet, und Drachen sind mächtige Wesen, aber auch sie haben nur eine begrenzte Ausdauer. Nach einer Verschnaufpause hob er den gehörnten Kopf und lauschte in Richtung des nahen Waldes.
Wenig war zu hören, auch wenn Drachen einen scharfen Gesichtssinn haben; da war nur das Glucksen des träge fließenden Flusses, das leichte Rascheln der jungen Blätter im kühlen Nachtwind, das leise Nagen und Kratzen eines kleinen Tierchens. Sonst war es still.
Der Wind trug Gerüche heran, lehmig und moderig vom sumpfigen Ufer, heuartig vom vertrockneten Steppengras des Vorjahres, und einen unbestimmten Blütenduft aus dem Wald. Aber es war jetzt dunkel, und kein Mond stand am Himmel, so daß auch die scharfen glimmenden Drachenaugen nicht sehen konnten, was dort am Waldrand kauerte und ihn beobachtete. Denn er spürte mit einer Gewißheit, die über die Sinne hinausging, daß dort ein Wesen war, und er spürte auch, daß es Angst hatte.
Verwunderlich war das nicht, denn ein Drachen war auch zu jener Zeit eine respektable Erscheinung, die mehr als halb so hoch wie die Bäume war, wenn sie sich zu voller Größe aufrichtete. Aber dieser Drachen war nicht gekommen, um seine Macht zu demonstrieren oder irgendjemand zu beeindrucken und blieb ganz still sitzen dort am dunklen Flußufer in einer Frühlingsnacht und wartete, bis die Empfindung der Angst bei seinem Beobachter sich milderte. Dann zog das Wesen sich zurück.
Der Drachen wartete weiter. Er hatte lange gesucht und scherte sich nicht um ein paar Stunden; er war ohnehin müde und mußte sich ausruhen. Daß man seine Gegenwart bemerkt hatte und darauf reagieren würde, darüber bestand kein Zweifel.
Der Wald war schließlich kein gewöhnlicher Wald.

Die kleine Stadt in den Bäumen war noch hell erleuchtet von magischem Glanz und Irrlichtern, als der Späher aufgeregt hindurchrannte. Viele der Feen, die noch mit den Vorbereitungen für das Frühlingsfest beschäftigt waren, sahen ihm erstaunt nach, denn der Feenwald war sonst ein eher beschaulicher Ort, in dem es nicht viel Grund zur Eile gab. Der Zauber der Feenkönigin über den Bäumen war stark und hielt die meisten ziehenden Menschenstämme oder wilden Trolle fern.
Umso erstaunlicher war es, daß der Späher nun bei den Wachen am Fuß der großen Buche, in der die Königin mit ihrem Prinzgemahl wohnte, lautstark Einlaß begehrte. Einige neugierige kleine Feen kamen eifrig näher heran, um etwas mehr von dem unerhörten Vorfall mitzubekommen. Aber der erregte Wortwechsel war schon vorbei, der aufgeregte Späher längst eingelassen, als die Menge sich um den gewaltigen silberrindigen Stamm versammelte, und die Wachen ließen niemand mehr hinauf zu dem Königspalast in den Ästen.

Die Königin der Feen war eine freundliche Frau, aber auch sie mochte nicht gern zu dieser Zeit gestört werden. Schließlich hatte sie noch eine Menge Vorbereitungen für das Frühlingsfest zu treffen.
"Ich hoffe, daß es auch wirklich wichtig ist", sagte sie zu ihrer Zofe, "und seid bitte so gut, auch meinen Mann zu benachrichtigen, für den Fall, daß es wirklich wichtig ist." Es ist nämlich bei den Feen so, daß die Königin und der Prinz gemeinsam regieren und alle wichtigen Entscheidungen gemeinsam treffen; in allem, was Zauber und Magie anging (also ehrlich gesagt bei den meisten Dingen) hatte allerdings die Königin das letzte Wort, während der Prinz die Schar der Feenkrieger führte, falls der Wald mit Waffengewalt verteidigt werden mußte.
Kaum daß die Königin ihren Stickrahmen niedergelegt hatte, stürmte auch schon der aufgeregte Späher in das hoch in den Baumästen gelegene Gemach, gefolgt von der Zofe und dem Hauptmann der Palastwache.
"Ich bitte um Vergebung, Majestät", keuchte er außer Atem, während er sich ehrerbietig auf ein Knie niederließ, "aber uns droht eine schreckliche Gefahr. Ein Drachen ist am Nordrand des Waldes angekommen, ganz in der Nähe des Flußufers."
"Ein Drachen." Die Königin stand auf und wandte sich ab, bemüht, sich ihre Sorge nicht anmerken zu lassen. Sie brauchte keine Magie anzuwenden, um zu wissen, daß der Späher nicht log oder übertrieb (so etwas war den Feen ohnehin fremd), denn seine grüne Tunika war eingerissen, und an der Bogensehne hing noch ein abgebrochenes Ästchen. Er mußte sich sehr beeilt haben.
"Ein Drachen also?", sagte sie gefaßt und drehte sich wieder dem Besucher zu, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die weiße Spinnseide ihres Kleides raschelte leise bei der Bewegung. "Groß, nehme ich an."
"Sehr groß, Majestät", bestätigte der Späher. "Ich hielt es für sehr wichtig."
"Das ist es. Ihr habt recht gehandelt, Euch zu beeilen." Die Königin gab dem Hauptmann ein Zeichen. "Richtet bitte auch meinem Gemahl aus, daß es wichtig ist und wir uns in der Schreibstube beraten. Und Ihr, wackerer Späher, folgt mir."

Neuigkeiten dieser Art finden immer ihre eigenen Wege, um sich zu verbreiten, und so kam es, daß noch während die Beratung in der hellerleuchteten Königsbuche stattfand, die ersten Gerüchte über den Drachen zu der wartenden Menge am Fuß des Stammes durchgedrungen waren. Viele der Feen bekamen Angst, denn Drachen waren alte und starke Wesen, deren Magie mächtig war, unter Umständen gar der einer Feenkönigin überlegen. Und man hatte schon viele Geschichten gehört über die Taten der Drachen, über Zwergenfestungen, die sie zerstört hatten, um Schätze zu rauben, über grünende Wälder, die sie mit ihrem Feuer verbrannt hatten, über die legendäre weiße Feenstadt in den verlorenen Landen weit, weit jenseits der Berge, deren Fall sie bewirkt hatten in den Kriegen zwischen den Urkräften der Welt, ganze Zeitalter zurück in der Vergangenheit.
Jedes Feenkind wußte genau, was ein Drachen war und was er anrichten konnte, auch wenn die meisten Feen aus diesem Wald noch nie einen gesehen hatten. Denn es gab (glücklicherweise, dachten die gebildetsten unter ihnen) nicht mehr allzuviele davon.
Deshalb lief ein achtungsvolles Seufzen durch die Menge, als man bemerkte, wie die Palastwache sich sammelte, Feenkrieger aus allen Teilen der Baumstadt gerüstet mit Pfeilen, Bogen, Bronzeschwerten und -speeren herankamen und sich um den Hauptmann der Wache scharten, der inzwischen wieder vom Königsbaum herabgekommen war. Und weit oben, auf der Plattform zwischen den beleuchteten Ästen war der weiße Federbusch auf dem glänzenden Silberhelm des Prinzen zu sehen.
Umso größer war das Erstaunen, als die Königin selbst zuerst auf eine niedrigere Plattform hinaustrat, um zum Feenvolk zu sprechen, eingehüllt in ihre weiße Zauberrobe und mit der goldenen Blätterkrone auf dem Kopf, umgeben von sanftem magischen Glanz und ein paar Irrlichtern, wie das bei solchen Ansprachen der Brauch war.
"Hört mich, Feenvolk des Zauberwaldes", sagte sie nun mit ihrer klaren Stimme in die laue Frühlingsnacht, "es ist etwas Bemerkenswertes geschehen. Ein starkes und altes magisches Wesen hat unseren Wald erreicht. Es ist ein Drachen, und ich habe ihn in meinem Zauberspiegel angesehen, obwohl ich wußte, daß dadurch auch er mich sehen kann. Aber immerhin weiß ich jetzt: der Drachen kommt nicht hierher. Entweder kann oder will er nicht in unseren Wald hinein, und das bedeutet, daß ihr alle zunächst sicher seid."
Was die Königin für sich behielt, war natürlich, daß es sich bei dem Abwarten des Drachen auch um eine List handeln konnte. Aber sie wußte auch, daß kein Ort der Welt jemals Sicherheit vor allen denkbaren Gefahren bot, nicht einmal der Zauberwald; und die Sorge um die Feen war ihr angetragen, und sie wollte wenigstens, daß die Bewohner des Waldes sich für den Augenblick sicher fühlten und keine Angst leiden mußten.
"Aber das bedeutet auch, daß wir nachsehen müssen, was er von uns will", setzte die Königin ihre Ansprache fort, "und daher werden der Prinz und ich, begleitet von der Kriegerschar, zum Waldrand gehen. Ich weiß, ihr wollt sagen, daß das zu gefährlich für mich ist. Aber denkt daran, daß Drachen mächtige Magie in sich tragen, und daß möglicherweise nur ich seine ganzen Zauber abweisen kann."
Und sie dachte im Stillen bei sich: wenn ich es nicht schaffe, dann ist ohnehin alles umsonst gewesen und es ist egal, ob ich hier in meiner Buche oder draußen am Waldrand verbrannt werde.

Es dauerte eine ganze Weile, bis der Zug nach Norden zusammengestellt war, denn es gab eine Menge Verwirrung - Feen können nun einmal in ihrer Art nicht gut Ordnung halten, und natürlich wollte auch jeder mit dabeisein, denn mehr als alles andere sind Feen neugierig. So zog also, der Morgen war nicht mehr allzu fern, beinahe das ganze Volk, angeführt von der Königin und dem Prinzgemahl, zum Ruheplatz des Drachen.
Als man den Waldrand erreichte, dämmerte schon der kommende Tag. Und viele der Feenkrieger packten beklommen die Griffe ihrer Bronzeschwerter fester, als sie durch die letzten Bäume des Waldes die dunkle Silouette des Drachen groß wie einen kleinen Hügel gegen den Morgennebel im Flußtal erspähten.
Der Prinz mahnte flüsternd zur Ruhe und daß man doch endlich die verräterischen Irrlichter löschen sollte, aber die Königin sagte nur:
"Er weiß, daß wir hier sind, auch ohne daß er uns sieht. Er spürt unsere Anwesenheit so wie ich seine."
Und wirklich hob sich jetzt der mächtige schmale Kopf des Ungeheuers, und für einen Augenblick sah man die langen gebogenen Hörner gegen den fahlen Himmel, ehe seine blau glühenden Augen direkt zur ihnen herübersahen.
Je mehr das Tageslicht zunahm, desto mehr Sorgen stiegen in dem Prinzen der Feen auf. Erst jetzt war zu sehen, wie alt und gefährlich der Besucher war, mit dicken, harten Silberschuppen, die bestimmt nicht so einfach mit den Bronzewaffen der Krieger zu durchdringen waren, schwarzen Schwingen, die breit genug schienen, um eine ganze Baumkrone zu umspannen, und langen, glänzend schwarzen, gebogenen und entsetzlich scharfen Klauen an den Füßen und Flügelspitzen, die bestimmt schreckliche Wunden reißen konnten. Und die glühenden Augen bedeuteten doch bestimmt, daß dieser Drachen Feuer in seinem Herzen trug, das er speien konnte. Und Magie konnte er wirken. Der Prinz war ein wirklich tapferer Krieger, aber das war nicht der Gegner, den er sich für sich und vor allem seine Königin wünschte.
Denn diese sagte nun mit leiser Stimme: "Ich werde allein zu ihm gehen."

Der Drachen erhob sich langsam und reckte seine steifen Gliedmaßen, als die weißgekleidete Gestalt aus dem im Nebel versinkenden morgendlichen Waldrand langsam auf ihn zukam. Er spürte, daß sie fast alle gekommen waren, aber daß diese Fee hier das Herz des ganzen Volkes war. Also sagte er in der Feensprache: "Ich grüße Euch, Königin Goldhaar."
Die Feenkönigin staunte nicht schlecht, als sie den Drachen reden hörte.
"Ihr könnt sprechen?", entfuhr es ihr, noch ehe sie recht wußte, was sie sagen sollte.
"Natürlich kann ich das", antwortete der Drachen, "ich bin weit genug herumgekommen in der Welt, um auch die Feensprache erlernt zu haben."
"Was wollt Ihr von uns?"
"Das ist ein wenig schwierig", erklärte er mit seinem fauchenden Akzent, "ich spüre, wie viele von euch große Angst vor mir haben, obwohl ich doch bis jetzt recht friedlich geblieben bin. Vielleicht sollte ich mir auch eine andere Gestalt geben, eine kleinere, in der Ihr nicht so zu mir heraufbrüllen und ich nicht so zu Euch hinunterflüstern muß."
"Das könnte unser Gespräch vereinfachen", bestätigte die Königin.
Viele der am Waldrand versteckten Feen hatten die schlimmsten Befürchtungen, als sie plötzlich die Welle von Magie spürten, die der Drachen aussandte. Aber als die kleine weiße Gestalt vor dem massigen Körper ganz ruhig stehenblieb und nur dieser sich veränderte, waren die meisten erleichtert. Die Krieger ließen die gespannten Bogen wieder sinken und nahmen die schußbereiten Pfeile von der Sehne.
Denn der Drachen wurde kleiner, die gedrungene Gestalt richtete sich auf, schrumpfte mehr und mehr ein, wurde feenähnlicher, bis sie in etwa die Größe der vor ihr wartenden Königin erreicht hatte.
Diese musterte die nun vor ihr stehende Gestalt mit plötzlichem Verstehen, erkannte den wohlgeformten nackten Frauenkörper, an dem einzig noch die ledrigen schwarzen Schwingen auf dem Rücken und die blauglühenden, mandelförmigen Augen im Gesicht an die Drachengestalt erinnerten. Nicht mehr eine einzige Schuppe war auf der hellen Haut zu sehen, all das Silber war in die hüftlangen Haare geflossen.
"Eine Tochter der Nacht", sagte mehr zu sich selbst, "Schwester aus der Dunkelheit, was willst Du denn hier?"
Die Drachenfrau musterte ihr Gegenüber ebenso. Sie hätten in der Tat Schwestern sein können, silbern und golden, schwarz und weiß, so wie Sonne und Mond oder der Tag und die Nacht gegensätzlich sind und doch zusammengehören.
"Ich bin weit gereist, durch die Nacht und die Kälte und die einsamen Gegenden auf dieser Welt", sagte sie, "und ich bin müde. Ich suche ein Heim."
"Du willst bei uns bleiben? Im Zauberwald?", fragte die Königin erstaunt.
"Ja", antwortete die Drachenfrau knapp. Nach einer Pause erklärte sie: "Seht einmal, ich bin freiwillig hierher auf diese blaue Welt gekommen, auf der alles so voller Licht und Leben ist. Ich mag das Grün der Blätter, die Stimmen der Tiere, den Wind in meinem Gesicht. Ich bin lange gewandert, um diesen Ort zu finden, und ich war lange glücklich hier. Aber jetzt beginnt sich etwas zu ändern. Die Welt wird alt, und die Plätze voller Licht und Leben werden weniger. Seht Euch doch selbst an, ihr habt Euch mit einem ganzen Feenvolk in diesen Wald zurückgezogen, um wenigstens hier noch das Licht der Welt, als sie jung war, zu bewahren. Ist es nicht so?"
"Ich habe noch nie einen Drachen getroffen, der das Licht in seinem Herzen trug", entgegnete die Fee mißtrauisch, "und es ist nur zu bekannt, daß euresgleichen sehr listig ist."
"Ich weiß, daß viele meiner Schwestern aus der äußeren Dunkelheit in die Welt herabgestiegen sind, um zu herrschen oder Berge von Gold und Edelsteinen zu erobern. Aber ich bin das nicht. Ich weiß, daß Du die Macht hast, allen Wesen in die Herzen zu schauen, Königin Goldhaar; ich verstelle mich nicht. Sieh in mein Herz, wenn Du willst." Sie schloß die glühenden Augen und senkte den silberhaarigen Kopf.
Und die Königin zog die Macht des Zauberwaldes in ihrem Geist zusammen und wob einen Zauberschleier daraus, den sie über die schwarzgeflügelte Frauengestalt warf, die sich nicht dagegen wehrte. Ihre Geister berührten sich, sie sahen einander ins Herz, und die Fee erkannte die Sehnsucht nach dem Licht in dem glühenden Drachenherzen, gleich den Motten, die des nachts immer wieder die Irrlichter umschwirrten, bis sie erschöpft zu Boden fielen. Eine ganze Weile standen die Frauen so da, gefangen in den Zauberschleiern, ehe der Geist der Königin sich von der Drachenfrau löste und sie leise und stockend sagte: "Es stimmt. Auch wenn ich es noch nie gesehen habe, es stimmt. Aber warum kommst Du gerade zu uns?"
"Kennt Ihr nicht Eure eigenen Legenden?", kam die traurige Gegenfrage, "mit den Feen kamen das Licht, die Liebe und die Schönheit in die Welt. Und jetzt gibt es nicht mehr viele Gegenden, in denen noch Feen leben. Ein einsamer Meeresstrand, ein verstecktes Tal jenseits der Berge; der Wald stromauf auf der anderen Seite des Flusses. Mehr Feen gibt es nicht mehr außer ein paar vereinzelten Quell- oder Baumnymphen. Und Ihr, weiße Königin, seid die weiseste und mächtigste von allen, die noch geblieben sind."
"Ich weiß, wie wenige wir sind und daß eines Tages alle Feen hierher zu mir kommen werden. Umso mehr muß ich diesen Wald schützen vor allen möglichen Gefahren."
"Ich könnte Euch unterstützen dabei." Die blauleuchtenden Augen öffneten sich wieder.
"Du gehörst nicht hierher, Tochter der Äußeren Finsternis", antwortete die Feenkönigin, und ihr war nicht wohl dabei, denn sie hatte die Sehnsucht in der Seele ihrer dunklen Schwester gesehen, "ich glaube Dir ja, denn ich habe in Dein Herz gesehen. Aber mein Volk kann Dir nicht ins Herz blicken und wird Dir mißtrauen. Sie werden immer den Drachen in Dir sehen, und sie wissen, was die Drachen angerichtet haben in den vergangenen Zeitaltern, allem voran die Zerstörung der Weißen Stadt. Sie werden nicht vergessen, was geschehen ist und Dich dafür verantwortlich machen. Und das bedeutet, daß es Unfrieden und Angst geben wird, wenn Du da bist, auch wenn keine Schuld auf Dir lastet. Unfrieden und Angst sind aber das Letzte, was ich dem Feenvolk hier zumuten will - die gibt es draußen schon genug, und wenigstens in diesem Wald müssen Frieden und Licht gewahrt bleiben als einem der wenigen Rückzugsplätze. Du kannst nicht bleiben, um des Lichtes willen, das auch Du liebst."
Die Schultern der Drachenfrau sackten mutlos nach unten. "Ich biete Euch doch meine Macht zu Diensten an", machte sie einen kläglichen letzten Versuch, "die Urkräfte sind noch nicht völlig zur Ruhe gekommen und werden sich möglicherweise noch einen letzen Kampf liefern. Ich würde den Wald verteidigen helfen, sogar als Dienerin."
"Ich weiß, daß es noch einen Kampf geben wird. Die schwarzen Zauberer sind weit im Osten gesehen worden, und auch der Feuergeist wird wieder unruhig. Aber in dieser Auseinandersetzung wird sich die letzte Magie entladen, die noch in der Welt steckt, und danach wird unsere Zeit vorbei sein, egal, wie das Kräftemessen ausgeht. Das Zeitalter der Menschen wird unwiderruflich anbrechen", erklärte die weißgekleidete Herrin der Feen mit schicksalhaft ruhiger Stimme. "Und darum sind Orte wie dieser Wald umso kostbarer. Ich kann Dich nicht hineinlassen, solange auch nur ein einziges Feenkind Zweifel an Dir hegt, so leid es mir tut."
"Ich verstehe", kam die geflüsterte Antwort, und die Königin sah, daß Tränen die Wangen unter den glühenden Augen netzten.
Ich wußte gar nicht, daß Drachen weinen können, dachte sie und hätte am liebsten ihre silberhaarige Schwester in die Arme genommen, um sie zu trösten. Aber sie legte ihr nur die schmale goldschimmernde Hand auf die nackte Schulter.
"Die Zeit mag es ändern", sagte sie, als ein plötzliches Gesicht über sie kam, denn Feenköniginnen verfügen über die Gabe der Weissagung.
"Ich werde warten", antwortete die Drachenfrau.

Also blieb die Drachenfrau am Ufer des Flusses, wo die Wellen murmelten, und sie hörte das Singen und sah die Lichter der Feen immer nur von weitem. Aber als der letzte Kampf der uralten Schöpferkräfte losbrach, verwandeltete sie sich noch einmal in ihre Drachengestalt, und sie rang mit einem der schwarzen Zauberer über dem Fluß, als die wilden Trolle und die Kobolde der Berghöhlen den Feenwald auf Geheiß des Feuergeistes angriffen. Der Zauberer staunte nicht schlecht, als er sah, mit wem er es da zu tun bekam, und obwohl er dem Drachen schwere Blessuren zufügte, brach dieser schließlich der Riesenfledermaus, auf der der Zauberer ritt, den Hals und warf diesen in den Fluß.
Und nachdem alles das ebenso wie die ruhmvolleren Kämpfe an anderen Orten überstanden und der Feuergeist zur Ruhe geschickt worden war, trafen der Drachen und die Feenkönigin noch einmal am Flußufer zusammen. Rauch trieb über das Wasser von den Feuern, in denen die Leichen der Kobolde verbrannt wurden und gab der Luft einen schalen Geschmack.
"Wird das Euer Volk überzeugen, Goldhaar", fragte der Drachen, während er vorsichtig seine silberschuppige Seite betastete, über die sich jetzt tiefe Schrammen zogen.
"Noch nicht", antwortete sie mit Trauer in der Stimme, "es gibt noch immer Zweifel an Dir, so sehr Du Dich auch für uns eingesetzt hast. Viele hängen an der Vergangenheit und der Weißen Stadt und wollen nicht vergeben noch vergessen. Aber die Zeit ändert sich jetzt spürbar. Immer mehr löst sich alles feenhafte aus dem normalen Lauf der Tage und Wochen. Schon jetzt werden wir sogar den Menschen, die mit uns befreundet sind, immer unheimlicher. Der Punkt ist nicht mehr fern, an dem mein Reich hier sich endgültig von dieser Welt ablösen wird und zur Anderen hinübertreibt. Dann wird hier nur ein ganz normaler Wald ohne Zauber zurückbleiben."
"Ich verstehe", gab die fauchende Stimme tonlos zurück, während die Krallen weiter vorsichtig die Wunde zwischen den Schuppen betasteten.
"Kurz bevor es soweit ist, werden viele andere Wesen der alten Zeit hierherkommen, um mit uns zu reisen", erklärte die Königin, "die Welt gehört jetzt den Menschen und wird zu grau und zu kalt für uns. Vielleicht wird dann auch endlich Platz für Dich sein im Feenreich. Aber wenn nicht, werde ich ein Tor zwischen den Welten bereithalten für Dich bis zu dem Tag, an dem Dich alle willkommen heißen können. Das verspreche ich Dir. Ich habe Deine Sehnsucht und Einsamkeit gesehen, dunkle Schwester, und ich weiß, daß Du zu uns gehörst, obwohl Du eine Tochter der Äußeren Finsternis bist."
"Ich werde warten und wachen", antwortete der Drachen da zum zweiten Mal, und er rollte sich am Flußufer zusammen und wartete, wartete Jahre und Jahrzehnte und Jahrhunderte, wartete geduldig, solange, bis er am Ende schließlich zu Stein wurde.
Und es wird erzählt, daß er da liegen wird, bis die Feenkönigin ihn endlich in ihr Reich ruft, und daß man an der Seite des schwarzen Steins noch immer die tiefe Schramme sehen kann, die der Drachen sich einst bei seinem Kampf mit dem Zauberer über dem Fluß zugezogen hat.

Engel

Merkwürdig, dachte die alte Frau, während sie ihre Erzählung beendete, es ist schon merkwürdig, wie sich die Kreise der Zeit schließen. Lang schon war ihr Haar nicht mehr blond und lang, sondern weiß und schütter, und sie war selbst eine Großmutter geworden, die in der Stube saß und ihren Enkelkindern Geschichten erzählte. Eben hatte sie die Geschichte vom schwarzen Stein beendet, und sie erinnerte sich noch deutlich daran, wie sie selbst, noch klein, mit offenem Mund und glänzenden Augen an einem Spätsommernachmittag unter blauem Himmel der Geschichte gelauscht hatte wie die Kleinen jetzt hier in der warmen gemütlichen Stube. Es duftete nach Bratäpfeln, Gebäck und Zimt, denn das Julfest war nicht mehr fern.
"Und der arme Drache sitzt noch immer da, ganz versteinert?", wollte der rothaarige jüngste Sohn ihrer Tochter wissen. Kindliches Mitgefühl stand in seinen großen Augen geschrieben.
"Also, als ich ihn zuletzt gesehen habe, lag der schwarze Stein noch am Flußufer", erklärte die Erzählerin, "zwar war ich schon lange nicht mehr dort, und es hat sich viel verändert in all den Jahren, aber ich denke, er liegt noch da. Man hätte sicher gehört davon, wenn er einfach verschwunden wäre."
Das Kaminfeuer knackte leise. Durch das große Fenster glitzerten die Sterne der eiskalten Winternacht in das heimelige Zimmer hinein.
"In einem Buch von Onkel Robert habe ich auch ein Bild von einem schwarzen Stein gesehen, in Rußland", erklärte der ältere Bruder des Fragers jetzt altklug, "und da stand geschrieben, daß er vom Himmel gefallen ist als eine große Sternschuppe, und daß es nur ein ganz normaler Stein ist."
"Nein, der Priester sagt, daß ein Engel vom Himmel fällt, wenn man eine Sternschnuppe sieht", bemerkte eine goldlockige Kusine, die noch nicht lange sprechen gelernt hatte und noch sehr klein war, "und daß man dann für ihn beten soll."
"Quatsch, das ist ein Stein wie der aus dem Buch."
"Nein, ein Engel!", zitterte das Stimmchen, den Tränen nahe.
"Hört auf zu streiten!", mahnte die Großmutter jetzt mit entschiedenem Tonfall, "wer weiß, ob sich nicht auch ein Engel in einen Stein verwandeln kann, wenn er will. Vielleicht sind auch Drachen und Engel nicht so verschieden, wie wir Menschen denken. Wer kann das wissen? Und wer kann wissen, ob ihr Geist nicht einen Stein benutzt, um vom Himmel zur Erde zu reisen? Dann hättet ihr beide recht und brauchtet nicht zu streiten."
Eine Pause trat ein, in der die kindlichen Gemüter diese ungewohnt multiple Sicht der Wirklichkeit in ihr noch einfaches Weltbild einzuordnen suchten. Leise knisterte das verbrennende Holz im Kamin vor sich hin. Die kleinen Flammen tauchten die enge Stube in ein gemütliches rotgelbes Dämmerspiel aus Licht und zuckenden Schatten.
"Kann ein Drachenengel denn nie in den Himmel zurück?", fragte das goldgelockte jüngste Mädchen der Kinderschar schließlich weiter, "ein Stein kann doch nicht fliegen."
"Das hängt von der Feenkönigin ab", erklärte die alte Frau, "wenn sie den Drachen oder Engel ins Feenreich läßt, dann kann er von dort aus zurück in den Himmel. Das Feenreich ist nämlich direkt neben dem Himmel, weißt Du."
Sie blickte durch das große Fenster in die dunkle Nacht hinaus. Von weitem waren die Glockenschläge der Rathausuhr zu hören.
"Du meine Güte, schon so spät! Ihr gehört alle längst ins Bett", stellte die Großmutter gegen den schwach aufkeimenden Widerstand der Kinderschar fest und erhob sich aus dem Ohrensessel am Kamin.

Später, nachdem alle ihrer kleinen Nachkommen sicher und warm in den Betten verstaut waren, stand die Frau noch sinnend am Fenster. Das Feuer war inzwischen heruntergebrannt und ließ den kleinen Wohnraum beinahe im Dunkel ertrinken. Draußen glitzerten die Sterne in einer Pracht, die sie nur in Winternächten besitzen, über den verschneiten Dächern.
Sie dachte über die Großmutter aus dem Dorf nach und wieviel sich in der Zwischenzeit verändert hatte. Mehr als ein halbes Jahrhundert hatten aus dem heimatlichen Dorf eine graue Siedlung zwischen Eisenbahn und Fabrik werden lassen, die sie nur noch selten besucht hatte, nachdem sie zum Arbeiten in die Stadt gegangen war. Die Landwirtschaft hatte nie jemand reich gemacht, aber selbst noch in ihrer Jugend reichte sie kaum mehr aus, um davon satt zu werden. Dann wurde die Eisenbahn durch die grünen Felder gebaut, und immer mehr Leute aus dem Dorf arbeiteten nicht mehr als Bauern. Viele gingen fort in die Stadt, so wie sie.
Was war aus der Großmutter im Dorf geworden? Mit einiger Bestürzung registrierten ihre Gedanken, daß sie es nicht wußte. Irgendwann war ein studierter Doktor aus der Stadt dagewesen, bei dem alle ihre Wehwehchen behandeln ließen und der den Frauen bei Geburten half. Und die Kinder mußten in die Schule gehen.
Sie wird einfach gestorben sein, dachte die Frau, die nun selbst eine richtige Großmutter war, hoffentlich war es, bevor das Dorf so häßlich wurde und die Eisenbahn und die Fabrik mit ihrem Rauch alles grau machten. Sie hatte die warmen Farben der gemütlichen alten Bauernkaten so gern und die frische Luft und den Geruch der Wiesen und Felder.
Fast schämte sie sich, daß sie nicht wußte, wann die alte Frau, die sie als Kind so liebgehabt hatte, von ihr gegangen war. Ein einziges Mal nur hatte sie die schwingenden schwarzen Röcke und die silbergrauen Haare noch zu sehen geglaubt, hier in der Stadt, als sie selbst schon eine Weile verheiratet gewesen war. Aber das war eigentlich undenkbar, die Großmutter war schon Jahrzehnte vorher eine alte Frau gewesen.
Eigentlich hatte sie nie jemand anders als als alte Frau gekannt.

Da erzählt man den Kindern Märchen und wird selbst noch ganz kindisch dabei, sagten die langsam fließenden Gedanken in dem greisen Hirn, von Drachen und Engeln und Steinen und Großmüttern, die schon lange tot sein müssen.
Nun, die Großmutter aus dem Dorf hätte wirklich gut selbst ein Engel sein können. Nie war sie böse, und sie liebte alles, was lebte und selbst die unbelebten Dinge noch mit einer Inbrunst, die ihresgleichen suchte.
Ja, sie hätte wirklich ein Engel sein können, dachte die alte Frau und schloß die müden Augen.
Und so sah sie nicht die helle Sternschnuppe, die in diesem Moment über den Winterhimmel zog und eine golden glitzernde Spur hinter sich ließ.

Epilog

Dreister Diebstahl. - Nach Mitteilungen der Kreispolizei ist aus dem Naturschutzgebiet Flußaue ein mehrere Tonnen wiegender Stein spurlos verschwunden. Der unter Denkmalschutz stehende Felsen war vermutlich meteoritischen Ursprunges und hat aller Wahrscheinlichkeit nach in der Urzeit einer primitiven Stammesgemeinschaft als Kultstätte gedient.
Nach Aussagen von Polizeisprechern ist es ein Rätsel, wie die Diebe den Brocken fortgeschafft haben. Ohne Lastkraftwagen und schweres Hebegerät sei dies nicht möglich, so der Sprecher, es gebe allerdings im gesamten Naturschutzgebiet keine befestigten Wege, die für ein solches Fahrzeug geeignet seien. Auch habe man im direkten Uferbereich im weichen Boden keinerlei Reifenspuren finden können. Es bleibe daher ungeklärt, wie ein mehrere Tonnen wiegender Stein quasi über Nacht verschwinden könne.

© 2001 Diane Neisius. Erstveröffentlichung.



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