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Mainacht

Rotglühend verschwindet der letzte Sonnenbogen am Horizont. Ab jetzt ist es - auch wenn der Himmel vorerst hell bleibt - formal Nacht, eine lange, eine durchwachte Nacht. Die Jungs haben mich eingeladen mitzukommen, sie wollten zum Angeln am Rückhaltebecken, und sie haben eben eilig im schwindenden Licht ihre Ausrüstung aufgebaut und sind dann zum Überlauf des Teiches verschwunden, um dort nach Aalen zu forschen. Ich verstehe nichts von derlei Geschäft, bin nur mitgekommen, weil ich mir eine Nacht im Freien nicht entgehen lassen will, eine wirklich als Nacht erlebte Nacht. Allein bleibe ich zurück bei all dem Gerät, dem provisorischen Unterschlupf aus Zeltbahnen, den Thermoskannen, den Stühlchen und den Decken, die uns warmhalten sollen, und ich bin froh, mit meinen Gedanken eine Weile allein sein zu können.
Die Sonne hinterläßt am Westhorizont zartes, orangefarbenes Feuer am Himmel. Das Wetter war schön den Tag über, nur leichte Wolkenschleier trüben das dunkelnde Blau ganz leicht. Und noch kann man weit sehen über die Wiesen, in der Ferne radelt ein später Freizeitsportler langsam und selbstgenügsam seinem Heim entgegen, einem der kleinen Lichter, die hinter dem sich verdüsternden fernen Wald aufzublinken beginnen.
Langsam verblassen die Farben der Natur; das Grün verliert seinen Glanz im Zwielicht. Ein leichter Wind, kühl schon, erinnert daran, daß auch Mainächte noch empfindlich kalt werden können. Sein schwaches Wehen treibt kleine Wellen über den Teich, an dessen Rand ein Frosch sein einsames Quaken hören läßt. Eine Grille zirpt.
Die Geräusche sind merkwürdig gedämpft zu dieser Zeit, hier, mitten im flachen Tal, so weit von jeder Ansiedlung entfernt. Es ist, als ob auch die Töne der Lebewesen sich zur abendlichen Ruhe begeben wollten, selbst jetzt, im Mai, in dem doch alles vor Saft und Leben und jungem Grün strotzt. Obwohl es, hier mitten im dichtbesiedelten Mitteleuropa, niemals so völlig still wird, wie ich das vor einigen Jahren an einem windstillen Sommerabend in Schweden einmal erlebt habe, so still, daß man glaubt, taub zu sein. Nein, hier wird es nicht so still, immer ist in weiter Ferne noch das leise Summen einer der zahllosen Verkehrsadern unseres modernen Lebens zu hören, selbst wenn die Natur einmal ganz zur Ruhe kommt.

Rascheln im Gras verrät die zurückkehrenden Jungs, die, mit gedämpften Stimmen flüsternd, ihre Angeln vor uns im Schilf kontrollieren. Etwas plätschert leise im Wasser, sie kontrollieren dort ihre Geräte, bevor auch sie sich auf ihre Warteposten neben mir zurückziehen. Die Thermoskanne kreist, und mit dem heißen Tee, der in unser Inneres rinnt, werden auch einige alte Geschichten von vergangenen Fischzügen aufgewärmt. Aber die Pausen zwischen den gemurmelten Bestätigungen und beinahe rituell erwiderten uralten Anekdötchen werden länger. Schließlich kehrt Ruhe ein. Die Wache hat begonnen.
Langsam verfärbt sich der Himmel über mir in ein tiefes Tintenblau - nun wird der Mond zum herrschenden Licht. Ein Planet, kein Stern, denn das Licht funkelt nicht, strahlt im noch dämmerigen Westhimmel, langsam in goldenem Glanz der Sonne auf ihrer Bahn folgend. Die Venus, die Schwester der Erde, steht dort wieder einmal als strahlender Abendstern, dicht gefolgt vom zunehmenden Mond. Beides sind uralte Zeichen im Himmel, fällt mir ein, Zeichen von Göttinnen, die dort nebeneinander residieren, und hier, fast allein im Angesicht der Nacht, erscheint ihr Zusammenstehen eindrucksvoll, wirklich wie ein überirdisches Zeichen des Schicksals. Wen wundert es, daß heute in unseren lichtverseuchten Städten niemand mehr den Blick zum Himmel hebt, um dergleichen wahrzunehmen, wird es dort doch niemals richtig dunkel; und so glaubt auch niemand mehr an Vorzeichen und alte Künste, die von den modernen Vernünftigen als Unfug und Einbildung abgetan werden, doch in früheren Jahrhunderten muß das menschliche Gemüt noch mehr Ehrfurcht im Angesicht solcher auffälligen Konstellationen empfunden haben.

Endlich erreicht das Dunkelblau auch den Westen, wo die Venus inzwischen trübgelb im Dunst versinkt. Die Sterne, bis jetzt nur vereinzelt sichtbar, erscheinen nun in größerer Zahl, um mit ihrem vertrauten Blinken die Schwärze des Nachtsamtes zu durchbrechen.
Der Mond scheint, das Gestirn der Göttin Luna, und sie ist jetzt die Königin des Himmels. Ihr Licht taucht das Land in ein trautes Grau, ganz vage sind der Wald und die Wiesen in der Ferne noch zu erahnen, beinahe unwirklich wie ein Feenreich, fern und unerreichbar für einen nächtlichen Wanderer. Die Lichtstrahlen brechen sich im Spiegel des nun ganz schwarzen Teiches, über den der leichte Wind noch immer kleine Wellen treibt. Wie vergossenes Silber in kleinen Spritzern glitzert es dort, so schön, so nah und doch so unerreichbar.
Leichter Dunst umkrönt die Nachtkönigin und hellt, ihr Licht verstreuend, den Himmel auf, fast in ein Graugrün, wie die Farbe eines zufällig einmal zur Ruhe gekommenen stürmischen nördlichen Meeres. Ein Entenpaar flattert aufgescheucht als schwarze Silouette über den kalkweiß darin schwimmenden Halbkreis hin.
Es ist zunehmender Mond, im ersten Viertel, und die Stimmung ist wie verzaubert durch das blasse Licht. Kommen jetzt die Feen hervor, um ihren Reigen zu tanzen? Verwundern würde es mich nicht, wenn ich sie jetzt sehen könnte, schließlich war ich als Kind ja schon mondsüchtig. Die Wahrnehmung ändert sich, mit dem Schwinden der Sehleistung gewinnen andere Sinne die Oberhand, werden intensiver, drängen sich in den Vordergrund. Empfindungen werden verstärkt für Dinge, die in der Hektik des Tages untergehen. Die Sensibilität, die Aufmerksamkeit steigt, Dinge zu bemerken, die sehr zart nur erscheinen und doch vielleicht um nichts weniger wirklich sind als wir selbst. Hat nicht das Mondlicht bei den großen Leuten seit der Antike schon den Ruf, trunken, ja, wahnsinnig zu machen?

Stunden müssen mit meinen träge dahinfließenden Gedanken vergangen sein. Die Grille macht eine Pause, was ich erst bemerke, als der Frosch seinen quakenden Ruf aus dem Schilf in mein Bewußtsein schickt. Auch der Mond ist dem schicksalhaften Lauf nach Westen ein ganzes Stück gefolgt. Sein Licht, schon mit Gold legiert, schwächt sich ab, und auch der Dunst ist nicht mehr so hell erleuchtet.
Langsam schläft nun der Wind ein, macht aus dem Teich einen immer perfekteren Spiegel des Himmels. Mehr Sterne erscheinen in der jetzt weiter zunehmenden Dunkelheit; das Land wandelt sich von Grau zu Schwarz, das unser kleines Lager mehr und mehr wie eine Mauer umgibt, undurchdringlich, den Blick in die Ferne verwehrend. Der Frosch, bemerke ich, macht immer längere Pausen, er schickt sich an, sich zur Ruhe zu begeben, ebenso wie die Jungs, die schon längst in dem kleinen Zeltbahnunterschlupf verschwunden sind, genau wie auch der Mond hinter Schleiern von Wolken in zartem Rosarot den Weg hinter den Horizont sucht. Alles geht zur Ruhe, alles und alle außer mir, die mit eisernem Willen ganz allein mit ihren treibenden Gedanken die Nachtwache durchsteht.
Jetzt, fast blind und in der tiefen Nacht in fast völliger Stille, beginnen die Gerüche stärker in Erscheinung zu treten. Auch ohne das Maigrün zu sehen, könnte man die Jahreszeit erraten. Die Luft hat noch eine gewisse Schärfe und Kühle, einen Geruch nach Erde, die noch nicht lange der eisigen Klammer des Winters entronnen ist, nicht jenen süßen Blüten- und Heuduft, nicht die kühl gelinderte Erinnerung an die glühende Tageshitze wie die in den kurzen Sommernächten. Nein, es ist Mitternacht im Frühling mit seiner hervorbrechenden Lebenskraft, es ist Mitternacht im Mai.

Und erst jetzt, nachdem auch der Mond untergegeangen ist, hat der Sternenhimmel seine volle Majestät entfaltet, verdoppelt von dem nunmehr völlig ruhigen Teichspiegel, erst jetzt hat die Natur ihren tiefsten Frieden erreicht - Stille, Schwärze, Kühle. Kein Wind rührt sich mehr, kein Tierchen raschelt in der erhabenen Ruhe. Unwillkürlich hebt sich der Blick aus der formlosen Finsternis des Bodens hinauf in den Ozean der Nacht.
Der Skorpion regiert nun den Süden, Antares, sein blutrotes Herz, spiegelt sich vor mir im Teichwasser, und über mir dreht der grosse Sternenwagen seine endlose Runde um den Polarstern. Wie sie glitzern, die Sterne, wie unglaublich groß und weit der Weltraum auf einmal aussieht, hier, von einem kleinen frierenden Wesen auf der Oberfläche eines Planeten aus gesehen. Nimmt es wunder, daß die Sterne zu allen Zeiten die Träume, die Sehnsucht, das Fernweh der Menschen beflügelt haben? Und nicht nur das, sondern auch die Frage nach unserem Platz in all jener großartigen Pracht? Die Frage nach dem Woher, dem Wohin? Die Sterne, sie sind auf ihre Weise Götter, jetzt, dort oben, unerreichbar in ihrer Pracht glitzernd. Ist nicht jeder in einer solchen Nacht geneigt zu glauben, daß sie die Antworten auf alle Fragen haben?

Kälter wird die Luft, zerschneidet meine schwebenden Gedanken abrupt, Feuchtigkeit kriecht mir entgegen. Leichter Nebel erscheint auf dem schwarzen Wasser. Der Frosch erinnert sich meiner wieder einmal, und auch die Grille beginnt auf ein Neues ihr einschläferndes Lied zu singen. Die Stunden ziehen sich länger, während das Auge, noch immer blind in der Schwärze der Nacht, die Spur des erlösenden Morgens erwartet.
Es ist die Zeit, die man gemeinhin wohl als die Hundewache bezeichnet. Der Tau beginnt zu fallen, es wird ungemütlich kalt, und die Müdigkeit droht auch die Standhaftesten zu übermannen. Die einsamsten Stunden der Nacht. Ich erinnere mich, Hemingway hat davon geschrieben, und auch Saint-Exupery, und ich weiß jetzt, wie ihre Protagonisten, die Soldaten und Flieger, sich gefühlt haben müssen, allein mit sich, ihren Gedanken und dem Universum, während der Rest der Welt in mehr oder weniger traumlosem Schlaf verloren ist. Es sind endlose Stunden in der Kälte und Nässe kurz vor dem im Moment so unwirklich scheinenden Morgen, an dem die Wache einst enden wird, aber sie öffnen die Seele weit und tief. Gedanken werden gedacht, die so im Tageslicht nicht entstehen, vielleicht gar nicht entstehen können, die man nur mitnehmen kann in das kommende Licht wie seltenes und merkwürdiges philosophisches Strandgut. Wie meine treibenden Betrachtungen über Göttinnen und Sterne und das Universum in solchen Nächten es regelmäßig sind. Vielleicht sollte ich die Wahrnehmungen und Gedanken einer solchen Nacht einmal aufschreiben, überlege ich kurz. Aber wer würde solche Verrücktheiten schon lesen wollen? Nachdenken über das eigene Nachdenken jetzt, bemerke ich, eine ganze Spirale der Verückheiten. Ein surrealer Strudel des Wahnsinns, um diese Nachtzeit? Oder ist es doch nur Müdigkeit? Halt an, denke ich, such Sinneseindrücke, Ablenkung, doch wo in der Finsternis, ein rettender Blick zum Himmel ---

Und endlich kommt der Moment, in dem das Himmelsschwarz nicht mehr rein ist. Ein leichter Wind setzt ein, diesmal empfindlich kalt, und treibt die aufsteigenden Nebel auseinander. Das dunkle Grau des Himmels färbt mehr und mehr auf Land und Wasser ab, kaum zu erkennen auf den flinken Wellen, in denen die verblassenden Sterne gar nicht mehr zu erkennen sind. Der Wind kündet den Morgen, ist oft zu lesen, aber wer hätte gedacht, daß dieser kalte feuchte Wind so verheißend sein kann?
Das Gras der Wiese wird auch recht klamm, Nässe kriecht von unten in die Stiefel, wie auch aus der Luft auf mein Gesicht und meine Hände. Ich muß es ertragen, die Thermoskanne ist längst leer und erkaltet, nutzlos liegt sie von winzigen Tröpfchen benetzt in der Wiese, aber halb bin ich froh darüber, daß auch meine Gedanken wieder auf ein erträglicheres Niveau abgekühlt werden.
Langsam weicht das Grau des Himmels einem dunklen Blau, in dem die Sterne schon erlöschen. Im Osten ist es heller und wirft einen bleichen Schein auf das ruhende Land. Es ist noch da, alles, der Wald, die Wiesen, die zurückweichende Finsternis gibt sie nun wieder preis, sie hat sie nicht verschlungen, so wie es die überbordende Phantasie angesichts der Blindheit der Nacht dem Verstand weismachen wollte. Nun beginnen auch schon die ersten Vögel, den dämmernden Tag zu begrüßen. Weit hallt ihr Gesang durch das flache, im Zwielicht liegende Tal, und obwohl die ersten hohen Stimmchen noch sehr verloren klingen, beschwingen sie doch den müden Körper und den überdrehten Geist, die letzten Stunden der Nacht jetzt auch noch durchzustehen.

Allmählich schwemmt der östliche Lichtstreifen die Dunkelheit vom Himmel. Die Farben der Natur werden von Grau unterscheidbar, erwachen zu neuem Leben, freudig begrüßt vom lichthungrigen Auge. Ein Streifen Lachs fließt am Horizont entlang, davor treibt, graublau, ein dünnes fernes Wolkenstreifchen. Der Vögel Gesang ist nun das einzige Geräusch, es vertreibt geradezu die drückende Geborgenheit und Stille der ausklingenden Nacht, es weckt die müden und steifen Gelenke, die in ungeschickten Bewegungen gelockert werden, in halblahmem Umherstapfen bemerken, daß sie noch lebendig sind. Der feuchte, kalte Morgenwind läßt etwas nach - oder bemerke ich ihn nur weniger durch die wärmende Bewegung -, doch treibt er noch immer emsige kleine Wellen den Teich entlang.
Das Licht drängt jetzt mit aller Macht. Im Osten spinnen sich Fäden von Gold durch den lachsfarbenen Himmel. Kein Baum wirft Schatten in diesem morgendlichen Zwielicht. Die Beleuchtung ist seltsam unwirklich, wiederum wie schon am Abend zuvor ungewohnt und beinahe wie feenhaft verzaubert. Höher und höher steigt der Goldstreifen in den immer heller werdenden hellen Himmel, und er wird immer blasser in seinem Pastell. Die Farben sind von einer ungeahnten Intensität nach der Enthaltsamkeit der Dunkelheit. Ist deshalb auch die Morgenröte von solcher Symbolkraft, Eos, eine weitere Göttin, frage ich mich, während ich aufschaue. Ein rosafarbenes Fiederwölkchen schwebt weit über mir.
Schon hat der Himmel Tageshelle erreicht, doch kein Leben rührt sich zu dieser frühen Stunde. Einzig die Vogelsymphonie begrüßt das wachsende Licht. Fast ist das gespenstischer als die Nacht, heller Tag, etwa so als sei der Himmel bewölkt, doch nirgendwo bewegt sich etwas, als ob alle Menschen von einer plötzlichen Laune der Natur verschlungen worden seien und nur die Wachenden der Nacht allein auf der Erde zurückließen, besungen von den weithin hallenden Vogelstimmen als einzigem Geräusch. Ein letztes Mal erhebt sich in diesem Gedanken die gereizte Phantasie, bevor sie mit den letzten Spuren der Dunkelheit dahinschwindet.

Weiß ist der Nebeldunst im Osten geworden, weiß wie der Nebel, den ich in kleinen Wölkchen ausatme in die frische Morgenluft, und es ist klar, daß die Nacht ihre letzten Minuten durchlebt. Ein letztes Mal hebe ich den Blick in den Himmel, und im hellen Blau über mir sind die kleinen Wolken schon weißgelblich verblaßt, als die Sonne ihr erstes glühendes Gold durch die Nebel auf das ruhende Land ergießt.

© 1988,1998 Diane Neisius. Erstveröffentlichung in: "nocte - Das Nachtmagazin", Göttingen 1998.



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