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Weihrauch

für Sonja


"Manchmal räuchere ich ein bißchen,wegen der angenehmeren Träume." Sonja sagte es mit leicht abwesendem Blick durch die Balkontür in das naßkalte Herbstwetter draußen.
"Weißt Du, die Träume sind bei mir dann sehr erotisch. Ich brauche das manchmal, besonders, wenn ich single bin." Eine Pause entstand in dem kleinen, gemütlich unaufgeräumten WG-Zimmer. Es war eines dieser in der Jahreszeit häufigen Klönwochenenden.

Vielleicht muß ich an dieser Stelle einige mehr oder weniger notwendige Erklärungen einfügen. Sonja ist hetero, ich nicht. Und obgleich viele der Durchschnittsheterospießer von uns Homos denken, daß wir dauernotgeil durch die Weltgeschichte laufen, stets bereit, den nächsten im Weg stehenden Baum zu ficken, ist dem mitnichten so. Und auch Sonja ist einfach eine Freundin in einer fremden Stadt für mich. Zwar ganz niedlich, aber sowieso nicht so sehr mein Typ. Einfach eine Freundschaft halt. Soll es ja auch unter Heterosexuellen geben.

"Ich mache das auch manchmal... bei mir ist es aber seltener erotisch", antwortete ich. Regentropfen klatschten mit gedämpftem Geräusch gegen das nasse Balkongeländer.
"Vielleicht können wir nachher ja auch ein bißchen räuchern", schlug sie vor. "Bei dem ganzen 'Klappt ja sowieso nicht'- Kram, den wir uns heute gegenseitig erzählt haben, bin ich so trübsinnig geworden. Ich könnte ein paar nette Träume vertragen."
"Von mir aus." Ich dachte darüber nach, daß in dem kleinen vollgestellten Zimmer dann ganz schön dicke Luft herrschen würde. Möglicherweise bedeutete das Kopfschmerzen auf der Heimfahrt. Andererseits soll man Feste feiern, wie sie fallen. Allzuoft kam ich schließlich nicht nach Hamburg. Warum also nicht. Außerdem hatten die Läden schon zu, bei dem Regen war der Weg bis zur nächsten Tankstelle inakzeptabel weit, und der Wein dort eh überteuert.
"Ich such' mal die Räucherkohle. Nach dem Essen bin ich sicher zu müde." Die kleine rothaarige Frau begann in dem Chaos unter ihrem Hochbett herumzukramen.
"Wenn wir's uns schon geben, dann habe ich noch eine andere Idee...", sagte ich nachdenklich in die klappernden Geräusche. "Ich wollte das schon lange mal ausprobieren, bin aber noch nie dazu gekommen. Wir könnten ein bißchen Dope unter den Weihrauch mischen und sehen, wie das zusammen kommt."
"Was?" Das Klappern hörte für einen Moment auf.
"Na Dope. Cannabis."
Der nachdenklich fragende Kinderblick aus ihren blauen Augen wich einem breiten koboldhaften Grinsen. "Das wär geil."
"Hast Du's schon mal gemacht?" Ich war mir nicht ganz sicher, was das Grinsen zu bedeuten hatte.
"Nein, nur mal so mitgeraucht. Finde ich aber auch ganz nett", erklärte sie, während der Kopf wieder in der Dämmerung unter dem Hochbett verschwand, und durch das erneute Klappern fragte sie: "Hast Du was mit?"
"Ein Gramm", antwortete ich. In der dann entstehenden Pause war das Klatschen der Regentropfen vor der Balkontür überdeutlich zu hören.
"Ah, da ist sie ja." Ihre Stimme klang gedämpft aus der Tiefe irgendwelcher Kisten und Schachteln. "Hoffentlich geht die noch." Die zierliche Gestalt erschien wieder zwischen ihren an den Balken des Bettaufbaues aufgehängten Kleidungsstücken.
"Wollen wir?" Irgend ein schelmisches kleines Tierchen schien mich in den Bauch zu pieksen.
"Wenn wir uns schon nicht betrinken können..." Abwesend untersuchte sie die silbrige Verpackung der Kohlenstücke, blickte dann aber plötzlich auf. "Im Fernsehen kommt sowieso nix. Und auf noch mehr depressives Gelaber habe ich keine Lust. Davon kann ich dann bestimmt nicht gut schlafen."
"Also gut, dann nach dem Essen, würde ich sagen", schloß ich diesen Teil der Unterhaltung.

Schmeichelnde Berührung. Wasser. Das ist ein Traum, denke ich, ein Wassertraum. Ich blicke mich nicht um, nehme mich aber wahr. Kubikkilometer glasklaren blaugrünen Wassers, in dem ich treibe, ich atme es mit der Leichtigkeit, mit der ich das in Träumen immer tue. Die blaugrüne Unendlichkeit ist bodenlos, nur weit oben ist das schwache Glitzern von Wellen zu sehen.
Wieder das Schmeicheln. Ich treibe rücklings, etwas ist um mich herum, weiße Schlangen oder Fische, ich sehe mich wieder aus dieser eigenartigen Traumperspektive von Innen und Außen zugleich, es sind Tentakel, die auf mir selbst wachsen, wie Flossenfortsätze eines Fisches. Sie wehen um mich herum in der schwachen Strömung. Auch meine Haare sind solche langen weißen Tentakel, sie ringeln sich ebenso wie die Fortsätze meiner Arme und Beine über meinen weißen nackten Körper, auf den Lichtreflexe von der Wasseroberfläche weiße schimmernde Muster zeichnen. Schwache Berührungen der schlanken fischartigen Auswüchse, ein Tasten hier und dort, das kribbelnde Wellen durch meinen sich wiegenden Leib schickt.
Langsam steigt Erregung in mir auf von all dem Treiben und Schmeicheln, Muskeln ziehen sich zusammen, die Ringelbewegungen der weißen schlangenartigen Auswüchse meines Körpers werden ausgreifender. Die Erregung wird heftiger, die Tentakel werden kühner, schließlich kriecht einer mit geiler Langsamkeit zwischen meine Beine...

Ups, nein, das ist ja gar kein Traum, denke ich, als ich mich plötzlich in meinen Schlafsack verwickelt wiederfinde, die Brustwarzen stehen wie Einsen, und in meinem Bauch brennt die Hölle. Wieder mal zwei Sekunden zu früh aufgewacht, ärgert sich irgendein schon funktionierender Teil meines Gehirns.
Ich weigere mich, die Augen zu öffnen, könnte ja in der Dunkelheit sowieso nichts sehen, hasche mit den Gedanken nur nach den schon verblassenden Traumfetzen. Die Luft duftet noch immer dumpf und schwer-süßlich.
Nur halb dringt ein Rascheln von Bettwäsche an mein Ohr durch. Sonja wälzt sich dort oben auf ihrem Hochbett. Hat sie meine schwachen Bewegungen bemerkt?
"Kannst Du auch nicht schlafen?" Ihre Stimme klingt gar nicht, als sei sie hellwach.
"Mmmh", gab ich zurück, noch immer auf der Suche nach meinen Händen und Füßen in den Falten meines Schlafsackes. Mein Gebrummel klang sehr nach einer rostigen Eisenplatte, die über einen Steinfußboden gezogen wird.
"Mir ist so komisch", stellte die helle Stimme von oben fest.
Na, mir auch, dachte ich, wenn Du wüßtest, wie komisch. Aber ich krächzte nur ein undeutliches "Ja."
"Ich würd' am liebsten ein bißchen kuscheln", sagte die Stimme im Dunkeln vorsichtig. Ich wühlte noch immer ungeschickt in dem verzwickt verknäuelten Schlafsack.
"Kann ich zu Dir runterkommen?"
"Mmmh", brummelte ich, noch ehe mein gebremster Verstand Zeit hatte, einzugreifen.
Moment mal, dachte ich, das kann ins Auge gehen. Es gibt Grenzen für alles. Auch wenn mein Bauch in Kuschellaune ist.
Schon knarrte die hölzerne Trittleiter. Schritte kamen herunter zu mir, die ich noch nicht einmal meine Augen aufbekam. Nackte Füße auf dem Teppich und Alarmsirenen im Kopf. Aber irgendwie brachte ich in dem halbwachen Chaos überhaupt keine Reaktion zustande.
Dann ein Zupfen an dem wegen der Wärme halboffenen Schlafsack. Die warme Berührung von Haut. Moschusgeruch eines weiblichen Körpers.
Etwas ließ mich die Arme um sie schlingen, ihre Wärme an mich pressen, meine Nase an ihrem Hals vergraben. Eine ganze Weile lagen wir so still da.

Dann, es ist unmöglich zu sagen, ob jemand bewußt oder unbewußt damit angefangen hat, wurde aus zufälligen kleinen Bewegungen ein vorsichtiges Tasten, ein ganz zartes scheues Streicheln, dann, als die Abwehr trotz im Kopf schrillender Alarmsirenen noch immer nicht erfolgte, ein ganz leichtes Liebkosen. Es war eindeutig an der Grenze dessen, was eine einfache Freundschaft noch zuließ, dachte ein irgend ein ganz ferner Teil meines Bewußtseins. Und mein Körper genoß die rieselnden Schauer ihrer Berührungen.
Meine Hände, erfahren im Umgang mit dem Körper einer Frau, gingen nun auf kühnere Streifzüge, ohne mich noch groß um Erlaubnis zu fragen. Meine Gastgeberin seufzte leise auf, als ich nach ihrer Brust faßte. Die Grenze war überschritten.
Meine Fingerspitzen jagten Schauer an ihrer sich spannenden Wirbelsäule entlang, strichen hier und dort, taten das, was ich in wacheren Momenten als diesem "die Hautharfe spielen" nannte, komponierten eine Symphonie der wachsenden Erregung. Irgendwoher kamen Lippen, eine Zunge, feuchte Leidenschaft zog einen Strudel, der immer schneller wirbelte, Salz auf meiner Zunge, kitzelnde Haare, klammernde Gliedmaßen, ein entrücktes Stöhnen.
Dann der Moment, als die Woge sich aufsteilte, höher als ein Tsunami, der eine Insel versenken will, eine Welle rollenden Wassers, unaufhaltsame Naturgewalt, die mich höher und höher auf ihrer Schaumkrone in den Sternenhimmel trug, mich davonschleuderte ins Überall und Nirgendwo, als sie sich endlich brach und die Insel zerplatzen ließ.
Schweben, fallen, schwimmen. Das kleine Zimmer ist plötzlich wieder da und der süßliche Geruch in der Dunkelheit. Kein weiteres Nachdenken über den rätselhaften Körper, der ruhig atmend in meinen verklammert liegt. Das Bewußtsein verdämmerte irgendwo, ruhiggestellt von bleischwerer Müdigkeit.

Am Morgen, unter der Dusche, kamen die Bilder der Nacht langsam zurück. Ich muß dazu sagen, daß ich die Bilderbuchausgabe eines Morgenmuffels bin, kriege kaum die Augen auf, von aufrecht Gehen und Sprechen ganz zu schweigen, ehe ich nicht heiße Dusche und Kaffee hatte.
Aber jetzt, als das rieselnde warme Wasser in der kleinen weißgekachelten Nische langsam das Blut in mein unausgeschlafenes Gehirn trieb, wurde mir langsam klar, was eigentlich passiert war. Daß passiert war, was nicht hätte passieren dürfen.
Ein plötzlicher scharfer Stich der Erkenntnis, daß nach diesem Vorfall nichts mehr so war wie vorher, denn Freundschaften vertragen nun mal keinen Sex. Noch dazu welchen in der falschen Spielart. Zumindest für Sonja.
Ich wußte, er würde kommen, der erste Blick im vollen Bewußtsein, was geschehen war, nachher, am Küchentisch, und daß er das Ende von etwas nicht klar Abgestecktem sein würde. Von etwas, das nicht mein Leben bedeutete, aber, so selten die Kontakte auch waren, fehlen würde.
Ich schloß die Augen in dem synthetisch perlenden Regen und versuchte, nicht zu denken. Wasser auf meiner Haut, eintöniges Rauschen, das mich nicht wiedereinschläfern konnte.
Ich bleibe einfach hier, dachte ich, gehe nicht hinaus durch die Tür, vermeide die Konfrontation, halte die Zeit fest, und alles bleibt, wie es ist. Keine verunsicherten Blicke, kein Gespräch über Belanglosigkeiten, kein ungeschicktes Ausweichen der Hände, keine nervöse Spannung im Raum, kein Füllen der Zeit bis zu meiner Abfahrt mit aufgesetzter fröhlicher Leichtigkeit.
Aber, wie es immer ist in diesen Momenten, die Zeit ist unerbittlich, sie fließt wie das Wasser in den Abfluß der Dusche und nimmt unsere Unschuld mit, die kostbaren Momente des Schwebens, die kleinen Paradiese, bevor die graue gnadenlose Realität uns wieder ihr Messer an die Kehle setzt.
Und so stand ich da, mit geschlossenen Augen, die rinnenden Tropfen auf meiner Haut, reglos, zeitlos, unfähig zu fliehen wie so oft in meinem Leben und wünschte mir, alles wäre nur ein Traum gewesen, erzeugt vom Weihrauch, und daß ich aufwachen würde und alles wieder wie vorher wäre.
Aber ich wachte nicht auf, stand nur da, unfähig mich zu bewegen im unerbittlich tropfenden Strom der Zeit.

© 2000 Diane Neisius. Erstveröffentlichung im Literaturkreis Cafe Kreuzberg, Göttingen 2000.



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