Die abendländische Magie

Diane Neisius


Die Magie, die hier bei uns - im sogenannten Abendland - in der Vorstellung vieler Menschen praktiziert wird, ist nicht nur von den Märchenerzählungen unserer Kindertage, sondern in der Zeit solcher literarischen Produkte wie Harry Potter auch von diesen durch bestimmte Klischees geprägt. Wer an die Magie in Europa denkt, der hat zunächst bestimmte Bilder im Kopf: von einem Menschen, Magier oder Hexe, der oder die ein kompliziertes Diagramm auf den Boden gezeichnet hat, mit geheimnisvoll wabernden Kräuterdämpfen umgeben ist und mit salbungsvoller Stimme fremdartig klingende Formeln aus einem dicken alten Buch rezitiert. Wenn wir zunächst einmal bei diesem klischeehaften Bild als Ausgangspunkt unserer Überlegungen bleiben, dann scheint der Besitz des dicken alten Buches sogar von entscheidender Bedeutung zu sein. In zahllosen Märchen ist ein Magier ohne sein Magiebuch geradezu hilflos, und auch in den moderneren Hollywood-Gegenstücken von Märchen bedeutet der Besitz des geeigneten Buches im allgemeinen selbst für pubertierende College-Girls reale magische Macht. Diese Meinung hat, wie vielleicht vielen Lesern bekannt ist, auch ihren festen und unausrottbaren Platz in den verschiedensten esoterisch und spirituell angehauchten Kreisen. Mit einigem Fug und Recht kann man daher die abendländische Magie auch als die Buchmagie bezeichnen, und wir wollen uns im folgenden sowohl mit der Herkunft der magischen Schriften als auch dem Inhalt einiger ausgewählter Exemplare davon beschäftigen, nämlich so klangvoller Titel wie dem Necronomicon, dem 6. und 7. Buch Mosis und Agrippa von Nettesheims De Occulta Philosophica.


Es überrascht vielleicht nicht, daß viele der magischen Schriften in ihren Wurzeln auf den antiken Orient und Ägypten zurückgehen. Besonders in Ägypten hatte die Schrift einen geradezu magischen Charakter. Hieroglyphen sind eine Bilderschrift, aber diese repräsentiert nicht nur den Sinn der Worte, die sie wiedergibt, sondern stellt auch eine symbolische Verbindung mit den Objekten, die die einzelnen Zeichen abbilden, dar. Es überrascht daher vielleicht nicht, daß man in Ägypten gefährliche Tätigkeiten möglichst umschrieb, oder, wenn es denn gar nicht anders ging, die „gefährlichen“ Zeichen verstümmelt oder unvollständig darstellte. Und da es für eine bestimmte Wortsilbe viele verschiedene mögliche Hieroglyphenzeichen zur Auswahl gab, konnte ein ganz belanglos scheinender Brief für den Empfänger eine Menge versteckter Bedeutungen haben - von einem Liebeszauber bis zu einem wüsten Fluch konnte alles hinter den Zeichen versteckt sein, je nachdem, wie der Absender sie wählte.

Kein Wunder, daß Chaldäer oder Ägypter bespielsweise in Rom die Bezeichnung für einen Magier oder Astrologen schlechthin war. Und da alle diese Leute, wenn sie etwas auf sich hielten, in Alexandria studiert hatten, wo es die größte Bibliothek der antiken Welt gab und der gesamte Wissensschatz der ägyptischen, mesopotamischen und griechischen Magie und Philosophie aufgehäuft lag, stehen sie auch in engem Zusammenhang mit geschriebenem Wissen. Der Begriff der hermetischen Magie beispielsweise geht auf den Namen des griechischen Gottes Hermes zurück, der mit dem ägyptischen Gott Thoth identifiziert wurde - und der galt als der Erfinder der Weisheit, der Magie und natürlich der Schrift.


Wir wollen hier nur kurz anreißen, daß große Teile des antiken Wissensschatzes dem Büchersturm der antiken Christen zum Opfer gefallen sind. Vieles von dem, was wir heute aus der Feder antiker Autoren kennen, ist mit der Ausbreitung des Islam ins Arabische übersetzt worden (ein großer Teil der mittelalterlich-arabischen Hochkultur basierte darauf), und erst über das maurische Spanien gelangten die Texte, jetzt ins Lateinische übersetzt, nach Mitteleuropa. Die Qualität hatte durch die vielen Übersetzungen natürlich schon gelitten, und auch dürfte manches aus der antiken Praxis der Magie und Götterverehrung für einen mittelalterlichen Gelehrten recht unverständlich gewesen sein. Kein Wunder, daß die Tugendwächter der Kirche aufmerksam wurden und Teufel oder Dämonen als Urheber dieser Schriften vermuteten.

Bücher waren zu jenen Zeiten ohnehin nicht so einfach erhältlich. In den Zeiten, in denen alles per Handschrift kopiert werden mußte, stellten sie unabhängig vom Inhalt einen unglaublichen Reichtum dar. Bibliotheken gab es nur in Klöstern oder im Besitz sehr wohlhabender Fürsten. Und da Kopieren im Mittelalter eben auch ein Interpretieren durch den Abschreibenden bedeutete, dürfte die Qualität des Inhaltes trotz des materiellen Wertes, den ein Buch für sich bedeutete, nicht eben besser geworden sein. Davon, daß Werke, die von den Hütern der Bibliotheken (im allgemeinen Mönche) als „gefährlich“ für die unwissenden Schäfchen der Christenheit eingestuft wurden, ohnehin unter Verschluß gehalten wurden, soll hier gar nicht erst die Rede sein. Immerhin ist so ganz gut verständlich, wie und warum Magiebücher sich den Nimbus des Seltenen und Unzugänglichen eingehandelt haben.

Die Situation änderte sich erst ein wenig mit der Erfindung des Buchdruckes. Nun war es möglich, Schriften in größerer Zahl und auch für gebildete Bürgerliche erschwinglich in Umlauf zu bringen. Aber auch die Macht und der Argwohn der Kirche hatten inzwischen zugenommen; liest man das Vorwort zu Agrippa von Nettesheims Werken, so merkt man sehr schnell, daß der Autor sich sehr wohl bewußt war, sich Schwierigkeiten einzuhandeln. Daran änderte auch nichts, daß ein Werk wie die Occulta Philosophica als regelrecht christianisiert bezeichnet werden kann. Das soll den Wert der Arbeit, den Inhalt einer ganzen Reihe von offensichtlich überlieferten antiken Quellen zusammengestellt zu haben, nicht mindern (zu seinen Förderern zählten auch Geistliche wie der Abt von Tritisheim, auf dessen Bibliothek Agrippa wohl Zugriff hatte). Dennoch, Agrippa weist mit geradezu penetranter Häufigkeit darauf hin, daß man alle Rituale immer ausdrücklich im Namen des biblischen Gottes durchführen solle. Vor Nachstellungen seitens der Inquisition hat ihn das indessen nicht bewahrt.


So etwas wie unser modernes Urheberrecht gab es in der Renaissancezeit natürlich noch nicht. Vielmehr war es so, daß jeder, der eine Druckerei sein Eigen nannte, hemmungslos (und oft unter eigenem Namen) alles nachdruckte und verkaufte, was gerade aktuell und gefragt war. Plagiate von Agrippas Werk machten deshalb bald die Runde, und wie aus den ebenso nachgefragten Schriften des Paracelsus findet man ganze Absätze davon in späteren Werken anderer Autoren wieder. Es war gewissermaßen üblich, ein angeblich eigenes Buch ohne jede Quellenangabe aus älteren Werken zusammenzustellen, ebenso wie umgekehrt eigene Phantasieprodukte ohne Rücksicht auf Widersprüche dazwischenzumischen und unter einem alten klangvollen Namen zu publizieren. Hauptsache, es verkaufte sich - das war nicht anders als heute. Ein Streifzug durch die Regale voller schwarzer Einbände von Nachdrucken in den einschlägigen Buchhandlungen kann einen unterhaltsamen und aufschlußreichen Nachmittag in dieser Hinsicht bescheren.

Aber auch Magiebücher aus weniger noblen Quellen (egal ob echt oder untergeschoben) begannen in der Renaissance die Runde zu machen. Das 6. und 7. Buch Mosis ist ein Beispiel dafür (das übrigens nicht vom biblischen Moses verfaßt wurde, sondern angeblich von einem mittelalterlichen Rabbi dieses Namens). Im wesentlichen ist es eine Sammlung von Hausmittelchen der Volksmedizin gegen die verschiedensten Wehwehchen, der auch noch ein paar Ritualbeschreibungen beigegeben sind. Ganz offensichtlich haben die Urheber des Werkes auch schon gewußt, welche Klientel bereit war, hierfür klingende Münze zu berappen, denn sie machten sich zwischen den Zeilen versteckt lustig über einfältige Zeitgenossen, die sich mit diesem Buch in der Hand als fast allmächtig wähnten. Das Lieblingsbeispiel der Autorin dazu ist das Ritual wider die Dummheit aus dem letzten Abschnitt des Buches, einer Folge von geradezu grotesken Anweisungen (man könnte einen Lacherfolg in einer heutigen Comedy-Show damit erzielen), die in dem Satz gipfeln: „Und wer jetzt nicht augenblicklich begreift, wie unglaublich dumm er gewesen ist, dem ist bei Gott auf der Welt nicht mehr zu helfen...“


Längst hatten Magiebücher also den Ruf, ihr Besitz allein gewähre schon magisches Können. Noch heute geht in bestimmten Kreisen die Mär um, der Besitz des 6. und 7. Buch Mosis sei zur Beschäftigung mit Magie oder Wahrsagerei unverzichtbar. Man müsse es nicht einmal lesen, nur im Haus haben. Ganz offensichtlich hat allein der Titel des Buches hier schon in sich eine ganz eigene magische Wirkung entfaltet. Und wie schon eingangs beschrieben, ist es allein der Besitz des Buches, von dem man sich magische Macht versprechen soll.

Das betrifft auch andere klangvolle Namen von Büchern, die mehr oder weniger offen erst in der Neuzeit entstanden sind. Ein Beispiel dafür ist das Necronomicon, das immer wieder in den Romanen des H. P. Lovecraft auftauchte und dann irgendwann auch „wirklich“ in den einschlägigen Buchhandlungen zu haben war. Heutzutage herrscht kein Zweifel mehr daran, daß es aus der Feder von Lovecraft selber stammt, obwohl es nicht leichtfertig als reine Fälschung abgetan werden sollte. Wer sich nämlich einmal die Mühe macht, die mesopotamische Mythologie nachzulesen, erkennt recht schnell, daß im heute gedruckten Necronomicon das babylonische Welterschaffungsepos Enuma Elish und das sumerische Epos Inanna in der Unterwelt zusammengeschustert sind, allerdings unvollständig und in erbärmlich schlechter Qualität. Das nimmt auch eigentlich überhaupt nicht wunder, da Ende des 19. Jahrhunderts jede Menge Ausgrabungen in Mesopotamien durchgeführt wurden; die Entzifferung der Keilschrifttexte war gerade eben erst gelungen. Babylon war „in“, und es ist daher gut nachvollziehbar, daß Lovecraft sich dieser Quellen bedient hat. Viele Keilschrifttafeln waren übrigens zerbrochen, die für das Necronomicon maßgeblichen Teile sind allerdings in den 1950er Jahren gefunden und übersetzt worden. Es gibt in der Altorientalistik-Abteilung der meisten Universitätsbibliotheken Publikationen über die altmesopotamischen Mythen, die sich vollständig übersetzt auch viel freundlicher als Lovecrafts düstere Versionen lesen. Dennoch, die Autorin dieses Artikels hat einmal einem magischen Zirkel einen gehörigen Schrecken eingejagt, als sie die Bemerkung fallenließ, sie kenne auch die „fehlenden“ Teile des Necronomicon. Auch wenn sich der Inhalt an sich als harmlos erwiesen hat, der Name des Buches scheint auch hier noch immer die ganze Magie auszumachen.

Ganz analoge Überlegungen lassen sich übrigens auch zu Ägypten und Aleister Crowleys 1904 in Kairo geschriebenem Werk Liber Al Vel Legis anstellen.


Am Schluß läßt sich nun die Frage stellen, was denn die Bücher, die die abendländische Magie oft allein durch ihren Namen und Besitz ausmachen, eigentlich wert sind. Wir haben gesehen, daß sie sehr oft auf alten Schriften beruhen, daß ihre Qualität aber durch aufeinanderfolgende Übersetzungen von einer Sprache in die nächste oder durch mangelhafte neuzeitliche Übersetzung erheblich gelitten haben dürfte. Als Inspirationshilfe haben sie daher wohl trotz allem einen gewissen Wert. Allerdings sind die Anweisungen, bestimmte Rituale, Zeichen oder Spruchformeln exakt so wie angegeben durchzuführen, offenbar nicht so ernst zu nehmen. Denn mit Sicherheit sind sie durch die häufigen Kopien ohnehin schon verfälscht, wie beispielsweise auf einem Amulett aus der Zeit des Barock, auf dem ein hundsköpfiger Mann und eine thronende Frau dargestellt sind, in denen man nur noch mit sehr viel Phantasie Anubis und Isis wiedererkennt.

Sofern man sich also auf die eigene Intuition, eigene Nachforschungen und den gesunden Menschenverstand verläßt und ein wenig (selbst-) kritisch zu Werke geht, kann die abendländische Buchmagie schon eine interessante Anregung zum magischen Arbeiten in der heutigen Zeit bieten - jedenfalls, wenn man in besagten Büchern auch wirklich liest und sich nicht nur auf ihren Besitz verläßt. Eine alleinseligmachende Weisheit oder die ultimative Macht findet man in ihnen aber ganz sicher nicht.

Referenzen

Agrippa von Nettesheim,
De Occulta Philosophica. Libri Tres. (dt.: Die Magischen Werke)
Mecheln 1531, Reprint Wiesbaden 1997.

Paracelsus (Theophrast von Hohenheim) ,
Das Buch von den Nymphen, Sylphen, Pygmäen, Salamandern und den übrigen Geistern.
Basel 1590, Faksimile Marburg 1996.

Rabbi Mosis,
Sechstes und Siebentes Buch Mosis.
o. J., Reprint Berlin 1995.

Abdul Alhazred (Howard P. Lovecraft),
Das Necronomicon.
o. J., Reprint Berlin 1980.

Aiwass (Aleister Crowley),
Liber Al Vel Legis.
Kairo 1904.

Ralph Tegtmeier,
Magie und Sternenzauber.
Köln 1995.

Liselotte Hansmann / Lenz Kriss-Rettenbeck,
Amulett, Talismann, Magie.
München 1977.

Vera Zingsem,
Göttinnen Großer Kulturen.
München 1999.

Alexander Heidel,
The Babylonian Genesis.
Chicago 1951.

James B. Pritchard,
Ancient Near Eastern Texts (Supplement).
o. O. 1969.

© 2002 Diane Neisius. Erstveröffentlichung im Polarlicht Magazin Nr. 12 (2002)



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