Die Ableitung der FOI-Priesterschaft


Rev. Diane Neisius


Es gibt eine Reihe von spirituell-magisch arbeitenden Menschen, für die es wichtig ist, daß die Tradition, der sie angehören, die "richtige" Herkunft hat. Ein historisches Beispiel hierfür sind die Angehörigen der Freimaurerlogen gewesen (und sind es vermutlich noch). Für sie und ähnlich denkende Menschen mag die Frage eine Rolle spielen, wie denn eine Mysteriengemeinschaft wie die FOI es begründet, sich auf eine ägyptische Göttin berufen zu können.
Auch für diejenigen von uns, die darauf nicht viel geben (denn warum soll eine Göttin wie Isis nicht auch in unserer Zeit einen Orden stiften und Menschen erwählen, die in die Mysterien eingeweiht werden) ist das vielleicht interessant - in einer Zeit, in der die FOI als dezentralisierte Dachorganisation Einweihungen über ihre vielen, autonom arbeitenden Tempel und Gruppen weitergibt, mag es später einmal wichtig werden, wer von wem geweiht wurde. Wir Heutigen können den Weg der Weitergabe bis zu Lady Olivia und Sir Lawrence und damit der Gründung der FOI in Irland noch gut zurückverfolgen. Aber was war eigentlich davor?

Man liest gelegentlich, die ersten Siedler in Irland (und damit auch eine Menge der heutigen Iren) wären die Nachkommen aus der Ehe eines sagenhaften Helden mit einer ägyptischen Prinzessin Scota, von deren Namen sich auch das Wort "Schottland" ableitet. Der sagenhafte Held lebte in seiner Jugend einige Zeit in Ägypten, wo er sich als Krieger hervortat und dafür schließlich vom Pharao "Cincris" die Hand seiner Tochter erhielt.
Hier beginnen schon die ersten Schwierigkeiten. Die Ägypter waren nämlich in der längsten Phase ihrer Geschichte keineswegs fremdenfreundlich, sondern durchaus nationalbewußt und Ausländern gegenüber nicht besonders tolerant. Von "Gastarbeitern" hielten sie höchstens in untergeordneten Positionen etwas. Und deutlicher noch sagt es ein Brief aus der 18. Dynastie: "Von alters her werden Prinzessinnen nicht ins Ausland verheiratet."
Allerdings hatte in der Zeit der klassischen (griechischen) Antike schon der lange Niedergang der ägyptischen Kultur eingesetzt. Zu dieser Zeit schon waren die großen Tempel von Luxor und mehr noch die Pyramiden von Gizeh unfaßbar alte Denkmäler, und der politische Schwerpunkt des Reiches hatte sich von dort weg nach Unterägypten verlagert, hin zum Wirtschaftsraum Mittelmeer, der von Griechen und Phöniziern beherrscht wurde. Ägypten war nicht mehr länger Weltmacht.
In der Zeit der 26. Dynastie, die von der Hauptstadt Saïs in Unterägypten aus regierte, kam es sogar zu einem immer stärkeren Zustrom von Griechen nach Ägypten, und zwar als Händler und später auch in Form von Söldnern. Uns ist überliefert, daß das zu einer Menge von Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung führte. Politisch kamen die saïtischen Pharaonen jedoch nicht mehr ohne ihre Söldnerarmeen aus, da Ägypten selbst schon zu sehr in seinen Traditionen erstarrt war.
Zeitlich paßt das auch einigermaßen zur Ausbreitung der ersten Kelten der "La Tene"-Kultur in Mitteleuropa, die etwa zu dieser Zeit begann. Richtung Westen geschah diese Ausbreitung relativ friedlich, in Nordspanien kam es zur Vermischung mit den Stämmen der Iberer. Diese "Keltiberer" waren für verschiedene Staaten des Mittelmeerraumes regulär als Söldner tätig, für Karthago etwa noch bis in die Zeit der Züge Hanibals. Es ist daher nicht abwegig, daß in der Zeit der späten Saïtendynastie neben griechischen auch keltiberische Söldner im Dienst der Pharaonen standen - und für den wurden sie dringender denn je benötigt.
Der vorletzte Pharao der Dynastie, Amasis, hatte nämlich politisch schon alle Hände voll zu tun. In Asien erhob sich das Weltreich der Perser und bedrohte Ägypten, das schließlich 525 vor Beginn unserer Zeitrechnung vom persischen König zum erstenmal erobert wurde.
Was geben nun die historischen Quellen über die saïtischen Pharaonen her? Auf den ersten Blick ist enttäuschend, daß niemand von ihnen (und auch sonst kein Pharao) "Cincris" heißt. Man muß allerdings bedenken, daß die Pharaonen immer eine ganze Reihe von Namen führten, die zum großen Teil religiös-magischen Charakter hatten oder aber als "Regierungsprogramm" dienten, wie etwa der Thronname. Sieht man alle diese Namen seit der 26. Dynastie durch, so stößt man auf drei Thronnamen, die wenigstens entfernte Ähnlichkeit mit "Cincris" haben, nämlich "Chnum-Ib-Re", "Ankh-Ka-Re" und "Cheper-Ka-Re". Die ersten beiden davon gehören den letzten beiden Pharaonen der 26. Dynastie, der letztere Pharao Nektanebos I., dem ersten Pharao der 30. Dynastie.

Wir müssen nun beachten, daß die Weltsprache in der betrachteten Zeitepoche bereits griechisch war, und daß diese Namen in griechischer Transkription um einiges verdreht worden sind. Ein Beispiel dafür ist der Thronname der Königin Nofretete, die rund tausend Jahre früher als "Ankh-Cheperu-Re" für eine gewisse Zeit eigenständig regierte. In den (griechischen) Königslisten Manethos taucht sie jedoch als "Königin Akencherres" auf.
"Ankh" ist im Griechischen also zu "Aken" geworden. Folglich ist es plausibel, daß aus dem obigen "Ankh-Ka-Re" im Griechischen so etwas wie "Akenkares" wurde, das man sich leicht zu "Kenkris" oder "Cincris" abgewandelt vorstellen kann.

Es darf hier nicht verschwiegen werden, daß es ein Mysterienspiel der FOI gibt, daß sich mit der Herkunft der Prinzessin Scota beschäftigt ("Scota, the heretic princess" aus der Publikation "Sphinx"), das wie die meisten anderen der FOI dem sehr inspirierten Geist Lady Olivias entstammt. Was hat sie zu all dem zu sagen?
In diesem Mysterienspiel taucht Scota zweimal auf (beides sind, wie sich am Schluß herausstellt, Inkarnationen der Isis), und zwar einmal als Tochter Semenchkares (ca. 1600 Jahre vor unserer Zeitrechnung) und das zweitemal als Tochter des letzten Pharaos Nektanebos II. (380 Jahre vor unserer Zeitrechnung). Beide Daten passen allerdings nicht zu den archäologischen und historischen Indizien. Semenchkare liegt ein ganzes Jahrtausend vor dem ersten Auftreten von dem, was später einmal Kelten werden sollten. Und zur Lebenszeit Nektanebos II. war die irische Einwanderung bereits in vollem Gange.
Aber vielleicht sollten wir hier auch nicht allzu pingelig sein, denn Mysterienspiele sind stets symbolhaft zu verstehen, und wir sollten deshalb eher die symbolischen Gemeinsamkeiten der beiden Szenen im Mysterienspiel betrachten.
Scota ist in beiden Fällen Tochter eines Königs, der der "Letzte seiner Art" ist, bevor externe Kräfte ihn von Thron fegen (im Fall Semenchkares in Achetaton die wiedererstarkte Amunpriesterschaft, im Fall Nektanebos II. die zweite persische Invasion). Ein solcher "Letzter seiner Art" ist auch Psametik III. Ankh-Ka-Re, der weniger als ein Jahr auf dem Thron saß, ehe König Kambyses ihn besiegte und die erste persische Invasion Ägyptens einleitete.

Leider gibt es aus der Lebenszeit Psametiks nur wenige Zeugnisse. Das liegt zum einen an den turbulenten Ereignissen, zum anderen daran, daß im feuchten Boden Unterägyptens viel weniger Gegenstände erhalten geblieben sind als in den trockenen Felsentälern Oberägyptens (von der Hauptstadt Saïs ist so gut wie nichts übrig). Immerhin wissen wir, daß Psametik selbst aus der Ehe seines Vaters Amasis mit einer Ausländerin stammt. Wir wissen auch von zwei Halbbrüdern von ihm, von denen der eine General war, und einer Schwester, die von der "Gottesgemahlin des Amun" Ankh-Nes-Nefer-Ib-Re in Theben als vorgesehene Nachfolgerin adoptiert wurde.
Zum einen können wir daraus schließen, daß es zu dieser Zeit selbst für das Königshaus nicht mehr zwingend war, "rein ägyptisch" zu heiraten. Zum anderen bedeutet es, daß nach der langen Herrschaft Amasis' mindestens zwei seiner drei Söhne alt genug waren, um selbst schon Karriere gemacht zu haben - und mithin eine Familie zu gründen. Leider sind uns von Psametik weder Frau noch Kinder bekannt, was nicht bedeutet, daß es sie nicht gab - es erscheint im saïtischen Ägypten kaum vorstellbar, daß ein König ohne Königin regiert haben soll, denn beide gemeinsam verkörperten schließlich Isis und Osiris. Und wenn es von etwaigen Kindern keine Spuren gibt, bedeutet das möglicherweise nur, daß sie nicht in Ägypten begraben wurden (sic!).
Aus dieser Sicht spricht also nichts dagegen, daß eine Tochter des Königshauses mit einem besonders verdienten (und deshalb auch politisch wichtigen) Söldnerführer verheiratet wurde. Dieser wird als Offizier einer besiegten Armee sicher versucht haben, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen, als die Perser Ägypten zu besetzen begannen. Als Söldner lag seine Heimat aber im Ausland.

Wir verlassen an diesem Punkt also Ägypten und müssen uns mit der Geschichte der inselkeltischen Völker beschäftigen. Leider stehen uns hier bedeutend weniger archäologische Funde zur Verfügung, und schriftliche Überlieferungen gibt es in der relevanten Zeit überhaupt keine. Die Gründungssagen Irlands, wie das "Book of Invasions" wurden erst über tausend Jahre später während der Christianisierung niedergeschrieben.
Diese Sagen berichten uns, daß die Nachkommen Scotas und ihres Mannes (die in die keltiberischen Lande zurückgekehrt waren) sich nach ihrem Sohn Gaelglas benannten (der entsprechende Landstrich in Nordspanien heißt noch heute Galizien). Diese "Gaelen" brachen nun über das Meer auf, um auf den Inseln im Norden zu siedeln, die sie nach ihrer Stammutter das "kleinere und das größere Scotia" nannten. Das Book of Invasions berichtet von schweren Kämpfen mit den in Irland herrschenden Tuatha de Danaan, die schließlich von den Neuankömmlingen besiegt wurden. Der gaelische Anführer Heremon wurde König von Irland.
Archäologisch finden sich wenige Belege für diese Sage. Immerhin tauchen an der Wende vom sechsten zum fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung auch in Irland Wallburgen auf, die auf unruhige Zeiten schließen lassen - wie überall in Europa in der Zeit der frühkeltischen Expansion. Anders als in Mitteleuropa lassen sich hier aber kaum Spuren größerer Kampfhandlungen nachweisen. Die Landnahme der Gaelen scheint überwiegend friedlich vor sich gegangen zu sein, vielleicht aufgrund der dünnen Besiedelung der Insel. Vielleicht ist es nur lokal zu kleineren Kampfhandlungen gekommen, die dann in der Sage entsprechend hochstilisiert wurden.
In der Sage stammen die Könige von Munster von jenen frühen gaelischen Königen ab, und wir überspringen deshalb den reichen irischen Sagenschatz bis zum nächsten wichtigen Schlüsselpunkt. Das Buch "Duan Albanach" berichtet uns, daß "die drei Söhne Ercs mit dem Segen des heiligen Patrick das Reich Alba (das ist Britannien) besiedelten." Dieser Erc stammte vom König Conaire Mac Moga Lama von Munster ab.
Historisch fällt dieses Datum also mit der Christianisierung Irlands und der von dort ausgehenden Gründung des (archäologisch und historisch) greifbaren scotischen Fürstentumes Dalriada in Südwest-Schottland um das Jahr 500 zusammen.
Die (irischen) Scoten gerieten sich bald mit den in Nordschottland siedelnden Pikten ins Gehege. Um 850 wurden beide Völker unter König Kenneth Mac Alpin "dem Verräter" vereingt, der eine piktische Prinzessin geheiratet hatte (und alle anderen Pikten fürstlicher Herkunft ermorden ließ).
Für uns interessant ist an dieser langen Geschichte nur, daß die Linie der schottischen Könige bis zum Mittelalter in dem Buch "Chronicle of the Scots" direkt auf Fergus, den Sohn Ercs, zurückgeführt wird. Denn zu den schottischen Königen gehört ein gewisser Duncan II., und dieser wiederum ist ein Vorfahr von Lady Olivia und Sir Lawrence.
Lady Olivia hat in einem Interview mit Jonathan Cott mit einem Augenzwinkern zu verstehen gegeben, daß es eigentlich für alle Angehörige gälischer Völker recht wahrscheinlich ist, von den irischen Scoten und damit von einer ägyptischen Prinzessin abzustammen. "Der einzige Unterschied", so erklärte sie lächelnd, "besteht darin, daß wir es sicher wissen, weil unser Großvater im Jahre 1907 unsere Abstammung bis auf König Duncan durch das britische Heroldsamt feststellen ließ."
Weiterhin erzählte sie, daß die Familie erst im Jahr 1625 wieder von Schottland nach Irland übersiedelte.

So weit, so gut. Wir können also im Rahmen dessen, was in Form von archäologischen, historischen und mythologischen Fakten zusammenpaßt, davon ausgehen, daß die Gründer der FOI (über einen zugegebenermaßen langen Umweg) vom ägyptischen Königshaus der Saïten abstammen. Aber was bedeutet das konkret für uns?
Wir müssen uns dafür ein paar der Lebensumstände in Ägypten ansehen. Zunächst einmal war König Psametik III., so kurz er auch regierte, rechtmäßiger und damit von den Göttern anerkannter Pharao von Ägyten. Im Detail bedeutete das, daß er auch der oberste amtierende Priester des Staates war, denn das Königtum in Ägypten hatte ja deutlich sakralen Charakter.
Als Priester konnte er seinen "Beruf" aber an seine Kinder vererben. Tatsächlich wurde im saïtischen Ägypten ein Amt üblicherweise so weitergeben, und zwar wegen der bemerkenswerten Gleichberechtigung der ägyptischen Frauen ohne Einschränkungen auch an eine Tochter (in diesem Fall Scota). Diese wiederum konnte es nach ägyptischem Recht mit allen Ansprüchen ebenso an alle ihre Nachkommen weitergeben.
Die Robertsons von Strathloch, Gründer der FOI, haben damit aber kurioserweise durch Erbschaft bis in die heutige Zeit das Recht, ägyptische Priester und Priesterinnen zu werden. Die FOI-Priesterschaft ist in dieser Hinsicht also genuin ägyptisch im Ursprung.
Wie wir alle wissen, wird innerhalb der FOI die Priesterschaft durch die Salbung mit Heiligem Öl weitergegeben, wie das der Tradition des "klassischen" Ägypten entspricht, bevor in der Spätzeit alle Ämter de facto erblich wurden.

Was kann man nun mit diesem Wissen anfangen? Für alle, denen der "richtige" Ursprung der Priesterinnenweihe wichtig ist, möge das folgende als kleines Beispiel dienen:
Der "spirituell-priesterliche Stammbaum" der Verfasserin, die die Salbung 2001 auf dem deutschen Treffen in Bielefeld direkt von Lady Olivia erhielt, würde also aussehen wie unten gezeigt. Es ist zu beachten, daß direkte Erben direkt untereinander geschrieben sind, eine Linie von Erben durch einen Doppelpunkt zwischen den Namen dargestellt wird, und die Weitergabe durch Salbung durch einen senkrechten Strich. Die auf "0" endenden Jahresangaben sind nur ungefähr zu verstehen.


Weitergabe:						Jahr:


Pharao Psametik III. Ankh-Ka-Re, 26. Dyn. (Cincris)	-525
Prinzessin Scota "die Schwarze"
Gaelglas (Galizien / Iberien)
	:
Heremon (iberisch-keltische Kolonisation Irlands)	-450
	:
Hochkönige von Irland
	:
irische Könige von Munster
	:
König Conaire Mac Moga Lama				100
	:
Erc Mac Eodaigh 
Fergus Mac Erc (Gründung von Dalriada)			500
	:
scotische Fürsten von Dalriada (SW-Schottland)
	:
König Kenneth Mac Alpin (Vereinigung mit den Pikten)	850
	:
Könige von Schottland
	:
König Duncan II.					1000
	:
Robertsons von Strathloch (Rückkehr nach Irland)	1625
        :
Rev. Lady Oliva Robertson (Gründung der FOI)		1976 
	|
Rev. Dr. Diane Neisius (FOI)				2001


Literatur:

[1] Beckerath, J. v.:
Handbuch der ägyptischen Königsnamen.
Philipp v. Zabern Verlag, 1999.

[2] Cassin, E., Bottero, J., Vercoutter, J.:
Weltbild Weltgeschichte Bd. 4
(Die altorientalischen Reiche III)
Weltbild Verlag, Augsburg 1998.

[3] Cott, J.:
Isis and Osiris.
Doubleday, N.Y., 1994.

[4] Helck, W., Otto, E.:
Lexikon der Ägyptologie Bd. 4
Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 1982.

[5] James, S.:
Das Zeitalter der Kelten.
Bechtermünz Verlag, 1998.

[6] Laing, L.:
The Archaelogy of late Celtic Britain and Ireland.
Methwen Ltd., London 1975.

[7] Matthews, C. u. J.:
Lexikon der keltischen Mythologie.
Seehamer Verlag, Weyharn 1997.

[8] Schulze, P.:
Frauen im alten Ägypten.
Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach 1993.

[9] Striewe, C. M.:
Die Pikten.
in: Polarlicht Nr.4 / Herbst 2000



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